Fehlalarme der Kategorie II

Ein großer Teil der Alarme bei den Notfall- Heinzelmännchen besteht aus Fehlalarmen. Nun gehören diese zum Dienstalltag und werden größtenteils einfach hingenommen.

Jedoch teile ich diese Alarme in zwei Kategorien ein, die mich unterschiedlich tangieren:

Nicht vermeidbare und vermeidbare Fehlalarmierungen.
Zum einen gibt es Alarme, die sich nicht verhindern lassen. Wenn eine Situation zunächst ein „echter“ Notfall zu sein scheint, sich aber recht schnell wieder entschärft, zeige ich dem sich wortreich dafür entschuldigenden Melder deutlich, dass man manchmal besser einen Fachmann, also uns, hinzuzieht. Dazu zähle ich zum Beispiel Kleinbrände, die noch vor Eintreffen der Feuerwehr gelöscht werden können. Schließlich sollte parallel zu den eigenen Bemühungen um die Flammen auch frühzeitig die Feuerwehr informiert werden. (Wäre jedenfalls nett, da die Zeit bei fehlgeschlagenen Löschversuchen für uns den Unterschied zwischen einer verkokelten Küche und einer ausgebrannten Wohnung mit entsprechend hohem Arbeitsaufwand bedeuten kann.) Oder jemand, der uns ruft, hat sich zuvor zwanzig Minuten mit Nasenbluten herumgeplagt, in den Minuten zwischen Notruf und unserem Eintreffen sifft die Suppe dann plötzlich doch nicht mehr. Dann hat die Drohung des Patienten an die Nase, dass gleich ein Lötkolben zum Einsatz kommen wird, wohl zum spontanen Einstellen der Blutung gereicht. Ähnliches kennt man von Zahnschmerzen, die sich im Wartezimmer des Dentisten plötzlich auflösen. Auch mit Unfällen, bei denen eine „eingeklemmte Person“ gemeldet wird, diese aber bis zu unserem Eintreffen statt durch die verklemmte Fahrertür durch die funktionierende Beifahrertür ausgestiegen ist, habe ich keine Probleme. Löst ein privater Heimrauchmelder aus und die Nachbarn rufen uns, damit wir mal nach dem rechten sehen, klettern wir auch gerne auf Garagendächer und turnen auf Balkonen herum, um in die Wohnung zu blicken, ohne etwas kaputt zu machen. Die Zeiten, in denen für einen Batteriealalarm massive Haustüren zerstört werden, sollten vorbei sein. Man muss ja mal schauen. Auch mangelndes Fachwissen lasse ich durchgehen, ohne mich zu ärgern: Die gemeldeten „Flammen aus einem Fenster“, die sich bei genauerem Hinsehen als gespiegelter Sonnenuntergang herausgestellt haben, die „massive Rauchentwicklung am Dach“, die ein feuchtes Stück Holz im Kaminofen war – alles kein Problem, und vom Anrufer zunächst „nach bestem Gewissen“ als Notfall gemeldet. Auch die „Brustschmerzen“, die sich als Muskelkater vom Erkältungshusten herausgestellt hatten, und Bagatellverletzungen ab einer bestimmten Größe nerven mich nicht. Ein schlafender Obdachloser, der auf Zuruf nicht reagiert, könnte ein Problem haben, und ich erwarte nicht, dass diese oft etwas unangenehm duftende und schmutzige Bevölkerungsgruppe von der zufällig vorbeikommenden Oma angefasst wird. Vollstes Verständnis. Gestürzter Oma ins Bett helfen, Baby mit 38,5 Fieber (es zahnt…) ins Krankenhaus bringen, Tür öffnen, wenn sie zugefallen und ein Kind in der Wohnung ist, piepsenden Rauchmelder von der Decke holen, eine kleinere Wunde mit einem Verband versehen, bei Rohrbruch den Haupthahn im Keller finden und abdrehen … alles Sachen, die Menschen auch alleine lösen könnten, aber auch alles kein Problem für mich.

Die Situationen lassen sich noch weiter aufzählen, in meinem Alltag erlebe ich regelmäßig neues. Das alles wäre bei mir „Kategorie I“.

Neulich bei Twitter ärgerte ich mich aber über die „Kategorie II“:

Vermeidbare Fehlalarme, oft ausgelöst durch eine „all- inclusive- Mentalität“, der Unlust, einfach mal genauer hinzuschauen, oder auch mit der Absicht, uns als Werkzeug für zum Beispiel einen Nachbarschaftsstreit oder eine Anzeige zu missbrauchen. Und prompt kam jemand aus dem Gebüsch geschossen, der mir vorwarf, den falschen Job gewählt zu haben, wenn ich mich damit nicht schulterzuckend abfinden wolle. Das wiederum hat mich fast noch mehr geärgert, denn dieser Mensch hat meiner Ansicht nach etwas grundlegend nicht verstanden: Dass solche Einsätze der „Kategorie II“ in mehrfacher Hinsicht extrem toxisch und schädlich sind. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass er meint, Notrufmißbrauch sei einfach lächelnd hinzunehmen: Soweit ich es seinen Tweets entnehmen konnte, macht er in seiner ländlich geprägten Heimat ein paar San- Dienste, vielleicht fährt er auch ab und zu KTW oder RTW. Da machte seine lapidare Aussage, dass bei Fehlalarmen einfach auch „oft die Leitstelle zu dämlich“ sei, Notrufe vernünftig abzufragen, die Sache nicht besser. Die Callboys haben nämlich häufig keine andere Wahl, als dieses Spielchen mitzuspielen, wenn sie nicht in den Bereich eines Dienstvergehens rutschen wollen. Immerhin können sie die Situation nicht sehen und müssen das, was sie am Telefon erzählt bekommen, zunächst erst mal glauben. Sie können nicht zum Beispiel einfach sagen: „Das ist doch bestimmt bloß Killefitt, was Sie mir erzählen, und so lange Sie mir nicht sagen können, woher der Rauch kommt, schicke ich auch niemanden!“

Jedenfalls scheint besagter Schlaubi Fehlalarme nur so selten zu erleben, dass er sich nicht fragen muss, wo in der Gesellschaft sein Ansehen und seine Aufgaben zu finden sind. Vielleicht gibt es in seinem Tätigkeitsfeld auch gar keine RTW- oder Feuerwehreinsätze und er macht „nur“ San- Dienste auf Veranstaltungen („nur“ in Gänsestrichen und Anführungsfüßen, weil es zwar eine berechtigte Aufgabe ist, aber wenig mit den Hausbesuchen der Feuerwehr oder dem Rettungsdienst zu tun hat) . Zumeist sind Leute, die solche Ansichten haben und mir sagen, ich hätte den Job verfehlt, aber noch keinen einzigen Meter in meinen Schuhen gelaufen. Ich habe jedes Jahr durchschnittlich 400 RD- und 200 Fw- Einsätze, das macht in 20 Jahren etwa 12 000 Einsätze. Ich weiß also, wovon ich spreche. Und bei so vielen Einsätzen kommen die Ärgernisse entsprechend dicht: Nicht nur alle vier Wochen, sondern unter Umständen mehrfach in der Schicht. Ich hatte versucht, zu erklären, welche Art Mißbrauch ich meine – er konnte oder wollte es trotzdem nicht nachvollziehen.

Damit zumindest ihr wisst, was ich als „extrem toxisch und schädlich“ bezeichne, ein paar Beispiele:

Eine Frau meldet „dichten Rauch“ in einer Wohnstraße. Woher er kommt, wisse sie nicht. Als ein verstärkter Löschzug vor der Tür steht (insgesamt 6 Fahrzeuge), ist nichts festzustellen. Sogar die Drehleiter wird ausgefahren, um von oben zu sehen, ob es irgendwo eine Rauchentwicklung gibt. Kurz nach unserem Abrücken ein Funkspruch von der Leitstelle: „Alle Kräfte wieder umdrehen: Die Frau hat erneut angerufen!“ Als der Einsatzleitwagen einige Augenblicke später wieder eintrifft, ist sofort klar, was die Dame meinte: Ein paar Häuser weiter war eine Baustelle auf der Straße, auf der ein Arbeiter damit beschäftigt war, Bordsteine mit dem Motortrennschleifer auf ein passendes Maß zu sägen. Die Frau, die uns dafür rief, hätte zur Vermeidung des Fehlalarmes einfach mal  aus dem geöffneten Fenster oder vom Balkon aus schauen brauchen. Der Verkehr wurde strubbelig gemacht, die Anwohner auf dem Weg mit Musik beschallt, der Adrenalinspiegel der Einsatzkräfte bei einem Alarm ist auch nicht immer gesund, und Kosten von etwas über 900€ werden nun für diesen Fehlalarm dem Steuerzahler berechnet. Abgesehen davon war die Feuerwehr des Stadtteiles in dieser Zeit gebunden und stand für echte Notfälle nicht mehr zur Verfügung. Weil die Melderin sich nicht in der Lage fühlte, das Fenster zu öffnen und die Ursache für den „Rauch“ zu finden. Sorry, wenn ich nicht einsehen möchte, dass es einem voll beweglichem Menschen nicht zuzumuten sei, den eigenen Balkon zu betreten, bevor bei der Feuerwehr „Schlimm 2“ gemedet wird.

Ein Mann ruft an einem schönen Sommerabend aus einem Wohngebiet an und meldet, dass es nach Rauch riecht. Woher der kommt? Nicht bekannt, behauptet der Anrufer. Er kenne die Quelle nicht. Es riecht halt. Was soll der Disponent machen? Er muss einen Löschzug schicken. Vor Ort wird hinter einem Haus ein Feuerkorb als Geruchsquelle ausgemacht. Während wir mit dem Besitzer sprechen, taucht auf dem Balkon des Hauses nebenan der Anrufer auf und fängt an, sich über „die ständige Qualmerei“ zu beschweren. Ich denke, in diesem Fall wird mir jeder zustimmen, dass wir offensichtlich zum Spielball in einem Nachbarschaftsstreit wurden.

Den Fall, in dem ein Angetrunkener lediglich Zeugen für die Undichtigkeit seiner Heizung gesucht hat, hatte ich hier  bereits beschrieben. Ein Gastwirt rief uns des Nächtens, weil ein Igel im Windfang seiner Gaststätte saß. Ein Autofahrer, weil eine Ente auf einer begrünten Verkehrsinsel saß, die nur deshalb nicht wegflog, weil er sie festhielt. Eine Frau, weil eine Amsel in einem Blumenkasten brüten wollte (wir rieten ihr, ein Schild aufzustellen mit der Aufschrift: „Für Amseln verboten!“). Ein Anrufer meldete, die Wohnungstür sei hinter ihm zugefallen, und er hätte etwas auf dem Herd in der Küche stehen: Brandgefahr! Als die Tür schnell und billig von uns geöffnet war, war der Herr vorgeblich ganz erstaunt, dass der Herd doch nicht eingeschaltet und in Gebrauch war… Echt jetzt?

„Notrufe“, in denen Spechte gemeldet werden, die mit dem Schnabel gegen Baumstämme hämmern, in denen Lärmbelästigungen durch Flugzeuge  beklagt und Essen bestellt oder nach der Uhrzeit gefragt wird, werden von den Disponenten täglich zu Dutzenden rausgefiltert. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Noch mal ganz deutlich: Hier geht es mir nicht um Menschen, die nicht oder nur unter unzumutbaren Mühen herausfinden könnten, ob in der vorliegenden Situation ein Einsatzgrund vorliegt oder nicht. Auch nicht um Menschen, die sich aufgrund ihrer Unkenntnis nicht sicher sind, ob sie uns brauchen oder nicht. Es geht mir um die Menschen, die aus Eigennutz, Bequemlichkeit oder Trotz die Feuerwehr rufen. Die nicht dazu bereit sind, auch nur ein Quäntchen Eigeninitiative beim Erkunden zu investieren oder uns schlichtweg als „Bedienstete für irgendwas“ ansehen, denn schließlich werden wir ja aus Steuergeldern bezahlt. Deren „Notrufe“ sich bei einem einzigen genaueren Blick in Luft auflösen. Davon gibt es nämlich genug.

„Kann man solche Leute nicht anzeigen?“, werden viele jetzt fragen. Kann man schon, aber wahrscheinlich mit wenig Erfolg: Denn für eine Verurteilung wegen Notrufmißbrauch nach §145 StGB ist ein Vorsatz nötig ( „absichtlich oder wissentlich“ ). Und den muss man einem durchschnittlich begabten Anwalt erst einmal schlüssig nahelegen, ohne dass er sich vor Lachen an seinem Kaffee verschluckt. Denn Ausreden gibt es genug. Die  „Bremser“, die dann beschwichtigen wollen: „Lieber einmal zu viel…“ (ich kann diesen Spruch in solchen Situationen nicht mehr hören) oder „Das schädigt unserem Ansehen in der Bevölkerung, wenn wir Hilfe suchende anzeigen!“ von sich geben, kotzen mich an.

Weiter oben schrieb ich davon, dass diese Einsätze „toxisch“ sind: Sie vergiften das Arbeitsklima und die Motivation, was besonders bei der Freiwilligen Feuerwehr zum Problem werden kann. Neben Austritten, weil man sich nicht weiter „verarschen lassen“ will, hat auch niemand Bock, sich jede Woche erneut beim Chef dafür zu rechtfertigen, dass er für solche Einsätze den Betrieb verlässt und die Arbeit liegen bleibt. Bei der nächsten „betrieblich bedingten Entlassung“ steht man dann ganz oben in der Liste. Auch aus der Freizeit heraus überlegen sich so einige Feuerwehrler wahrscheinlich schon, ob sie bei dem einen oder anderen „vielversprechenden“ Alarmstichwort überhaupt die Familie alleine sitzen lassen und das Gerätehaus anfahren. Ist die Lage vor Ort dann doch mal ein Notfall, muss nachalarmiert werden – was Zeit kostet. Viel Zeit.

Wir als Hauptamtliche / Berufler haben da zwar nicht die Möglichkeit, zu „verweigern“. Allerdings machen solche Fehlalarme und Bequemlichkeits- Dienstleistungen Betriebsblind: Bei einem Alarm zu einem „Brandgeruch auf der Straße“ (im Sommer täglich im Stadtgebiet)  ist man nicht so schnell am Auto, wie es eigentlich angebracht und bei einem konkret gemeldeten Feuer auch der Fall wäre, und man ist überrascht, wenn wirklich etwas brennen sollte.

Im Rettungsdienst sind solche „Kategorie II“- Dinger noch häufiger:

Ich stehe in der Notaufnahme und schreibe ein Einsatzprotokoll. Die Tür zur Aufnahme geht auf, ein genervt blickender Retter kommt rein, dahinter schlendert eine Dame um die sechzig mit einer kleinen Reisetasche, wiederum zwei Meter dahinter der zweite Retter, der auch angefressen aussieht. Die Aufnahmeschwester blickt von ihrem Rechner auf: „Ach, Frau XX, da sind Sie ja schon wieder! Immer noch der Husten?“ Die Dame nickt: „Ja. Schlimm.“ Die Schwester: „Und warum kommen Sie mit dem RTW, und nicht mit dem Taxi?“ Die Dame entrüstet und frech: „Ich bin doch in der Kasse!“ – Vorhang zu. Immer noch „mangelndes Fachwissen“ nach offensichtlich mehrfachem Besuch wegen des selben Problems? Blöder Disponent, wenn die Anruferin am Telefon zwar über Husten klagt, aber ihre schon mehrfachen Krankenhausbesuche deswegen verschweigt? Wohl kaum. Ihrer Antwort entnehme ich eher, dass ein RTW von ihr als billiges Taxi angesehen wird. Die Kasse zahlt hier übrigens 380€ für die Pauschaltouristen. Macht aber nix, sie ist ja „Mitglied“, und den ADAC ruft man ja auch, wenn die Batterie am Auto mal leer ist.

Wir werden zu einem Mann gerufen, der eine „stark blutende Handverletzung“ gemeldet hat. Da es keinen Video- Notruf gibt, hat der Disponent uns geschickt. Vor Ort macht uns der Patient die Tür auf, hält uns noch an der Haustür einen Zeigefinger entgegen und fängt an, daran herumzudrücken: „Ich habe mich in der Küche an einem Messer geschnitten! Sehen Sie mal, das blutet!“ An dem Finger sickert durch seine Manipulation aus einem etwa 1cm langen Ritz ein Blutstropfen. Wir blicken einige Sekunden enttäuscht auf das Tröpfchen, dass sich nicht dazu entschließen kann, den Finger hinunter zu laufen. „Warum haben Sie denn kein Pflaster drauf gemacht?“ Entrüstet antwortete er: „Jetzt sehen Sie mal: Das ist an der rechten Hand, und ich bin doch Rechtshänder! Wie soll denn das gehen?“ Noch an der Tür bekam er ein Pflaster von uns und den Rat, beim Hausarzt die Tetanusimpfung auffrischen zu lassen.

Anruf bei der Leitstelle: „Ich bin gerade an der Bushaltestelle XX vorbeigefahren, und da sitzt einer, der braucht wahrscheinlich Hilfe.“ Der Disponent möchte natürlich genaueres erfahren: „Was hat der denn für Beschwerden? Ist er verletzt? Können Sie ihn mal ansprechen?“ Der Anrufer ist verärgert: „Wie, Ansprechen? Ich habe doch nicht extra angehalten, und ich bin nun schon fast bei der Arbeit!“ Unnu? Ignorieren? Geht nicht. Also wurden wir geschickt und unterwegs von der Leitstelle darüber informiert, dass es höchstwahrscheinlich eine Platzpatrone ist. Aber was sollte er er anderes tun … An der Haltestelle warteten einige Beförderungswütige, und auch ein „zusammengesunkener“ Mann saß dort: Er spielte an seinem Handy. Das konnte er aber auch ohne unsere Unterstützung. Der Anrufer hätte womöglich nur einmal kurz anhalten und auf die Hupe drücken müssen, damit der „Patient“ aufgeblickt hätte. 5 Sekunden Zeitverlust. War wohl zuviel verlangt und unzumutbar.

An einem Sonntag Morgen – einem sehr frühen Sonntag Morgen – wurden wir wiederum zu einer Haltestelle gerufen. Der dort befindliche junge Mann hatte seinen Kumpel telefonisch angespitzt, dass er uns schicken sollte. Als wir vor ihm standen, fragte er, ob wir ihn zu einer entfernten Feuerwache fahren könnten – schließlich fahre nun kein Bus mehr… Da soll man sich nicht ärgern?

Ein Mann ruft den RTW wegen „stärkster Bauchschmerzen“. Als wir vor dem Haus eintreffen und aussteigen, geht die Haustür auf, der Mann kommt mit Mantel, Hut und Tasche heraus: „Nabend. Wir können fahren.“ Keine Anzeichen für irgendwelche Beschwerden. Keine weiteren Erklärungen, das ginge uns nichts an. Er nahm im Patientenraum platz:  Taxi für 380€.

Eine Frau ruft uns abends gegen 20.00Uhr wegen „zu hohem Blutdruck“. Dieser war mit um die 160/100 kein Notfall,  wenn auch vielleicht langfristig behandlungsbedürftig – und schon seit „mehreren Wochen“ in diesem Bereich. Auf die Frage, was denn mit einem Hausarztbesuch sei: „Wenn ich da hin gehe, muss ich doch stundenlang warten! Komme ich mit Ihnen in die Notaufnahme, bin ich sofort dran.“ Nun, zumindest diese Rechnung ging nicht auf, nachdem wir besagtes Zitat dem aufnehmenden Pfleger mitgeteilt hatten.

Dass nur „mal eben“ eine Schmerztablette von uns erwartet wurde, oder dass kein Guthaben auf der Telefonkarte war und man deswegen kein Taxi rufen könne, sind weitere Aussagen, die ich nicht als Einsatzgrund  für einen RTW ansehe. Und „Natürlich hätte ich auch meinen Bruder fragen können, ob er mich ins Krankenhaus fährt, aber der muss morgen arbeiten! Haben Sie mal auf die Uhr geguckt?“ möchte man morgens um zwei auch nicht hören, wenn die Patientin schon eine Woche unter Bauchweh leidet. Kasse zahlt trotzdem. Auch aus euren Beiträgen.

Teils suchen diese Anrufer nicht wirklich Hilfe, sondern befriedigen nur ihr Ego („Ich habe die Feuerwehr für den Mann gerufen, das ist heute meine gute Tat…“), sind zu faul, selbst mal nachzusehen, was Sache ist oder ob man sich nicht selbst helfen kann. Sie ignorieren einfach, dass unser Dienst eigentlich nur für akute Notsituationen gedacht ist.

Bei vielen Kollegen geht die Motivation in den Keller, wenn auf dem Melder  Einsatzbeschreibungen wie „HP- Straße“ („HP“ = „Hilflose Peron“), „AZ- Verschlechterung“ („AZ“ = „Allgemeinzustand“) oder gar „Unklare Meldung“ stehen. Denn wenn der Disponent eine klare Notfallbeschreibung bekommt (Person gestürzt, Person mit Schwindel, verwirrte Person …), dann schreibt er das auch ins Protokoll. Die oben genannten Stichworte jedoch werden gerne benutzt, wenn keine klare Meldung herauszubekommen war und enden gefühlt zu 10% in gar keinen Transport, zu 70-80% in eine Taxifahrt, bei der kein Notfall vorliegt, sondern eine einfache Erkrankung, die genauso gut am nächsten Tag (oder schon Tage vorher) beim Hausarzt behandelt werden könnte. Häufig ist es zum Beispiel auch eine angetrunkene Person, die mit der Unterstützung von Familie oder Freunden auch genauso gut zu Hause den Rausch ausschlafen könnte (Obdachlose ausgenommen). Denn wer von uns war nicht schon mal müde, nachdem er gezecht hat? Und wer von uns möchte dabei behaupten, wirklich intensivpflichtig gewesen zu sein? Während „früher“ der Kumpel auf die Küchen- Eckbank verfrachtet wurde und einen Eimer hingestellt bekam, lässt man ihn heute eben durch das AOK- Taxi abholen. Diese dann bei den Kollegen sinkende Motivation ist aber kreuzgefährlich – übersieht man dann doch womöglich den einen echten Notfall unter den 100 Taxifahrten! Früher oder später passiert es dann, dass der Patient mit Hypoglykämie (Unterzucker), Hirnbluten oder einer Sturzverletzung einfach als „AVT“ („Arsch voll, toll“) in der ZNA „abgekippt“ wird. Auch dass ist ein Grund, warum ich mich über mißbräuchliche Nutzung des Rettungsdienstes ärgere: Je höher der Prozentsatz der Nicht- Notfälle, desto eher übersieht man einen echten, weil man abstumpft.

Unter „Aufgaben des Rettungsdienstes“ steht übrigens in den Gesetzen:

„1. Die Notfallrettung hat die Aufgabe, bei Notfallpatientinnen und Notfallpatienten lebensrettende Maßnahmen am Notfallort durchzuführen, deren Transportfähigkeit herzustellen und sie […] in ein für die weitere Versorgung geeignetes Krankenhaus zu befördern. […] Notfallpatienten sind Personen, die sich infolge Verletzung, Krankheit oder sonstiger Umstände entweder in Lebensgefahr befinden oder bei denen schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind, wenn sie nicht unverzüglich medizinische Hilfe erhalten.“

Wenn ich mich also trotz eines sehr weiten Toleranzfeldes über solche Zeitverschwendung ärgere, liegt das nicht daran, dass ich die Aufgaben in meinem Job nicht verstanden habe. Die sind klipp und klar beschrieben. Eher daran, dass spezielle Bürger meinen, wir seien einfach Dienstleister, die man für alles rufen kann, was einem gerade lästig ist.

Dieses wird auch durch einen Umstand begünstigt, der wahrscheinlich eine Gesetzeslücke ist: Ich habe keine Bestimmung gefunden, in der beschrieben wird, inwiefern sich der Melder eines vermeintlichen „Notfalles“ davon zu überzeugen hat, ob auch wirklich ein solcher vorliegt, bevor er die 112 wählt (die Ethik und die Verantwortung lasse ich mal außen vor, da sie einigen Mitbürgern nicht bekannt zu sein scheinen). Das öffnet der Fantasie natürlich Tür und Tor, denn so kann man sich auch bei den konstruiertesten Situationen damit herausreden, dass man ja gegen kein Gesetz verstoßen habe, als man die Feuerwehr oder den Rettungsdienst für irgendeine bequeme Dienstleistung oder für völligen Blödsinn gerufen hat. Ich könnte jeden Passanten als „Notfall“ melden, weil er komisch schaut, wackelig geht, gerade etwas sucht oder… oder… oder… – und keiner kann mir an die Karre pissen, wenn ich das nicht gerade drei mal die Woche mache und man mir somit „Vorsatz“ nachweisen könnte. Also, wenn ich dann überhaupt noch vor Ort bin – und nicht, wie so oft, verschwunden und telefonisch nicht mehr erreichbar bin. Ich weiß nicht, wie viele Einsätze schon aufgrund fehlender Feststellung und abwesendem Melder abgebrochen wurden. Ich kann mich aber auch nicht daran erinnern, dass dabei je ein echter Einsatz übersehen wurde.

So (und aus anderen Gründen) kommt es, dass die Städte immer mehr RTW von den Kassen genehmigt bekommen, um die ständig steigenden Einsatzzahlen noch abarbeiten zu können – wobei ich immer sage: „Die Notfälle werden nicht mehr. Nur die Anrufer…“

Vielleicht versteht ihr nun etwas besser meinen Ärger. Ich habe jedenfalls ein wenig Angst, dass ich irgendwann auch der Abstumpfung zum Opfer falle und Notfälle übersehe. Darf nicht, aber kann.

Ich sehe schlussendlich nicht ein, warum ich den Job verfehlt haben sollte, wenn ich mich über unnötige Einsätze ärgere. Ich habe bei der Feuerwehr angefangen, um zu helfen, und nicht, um mich über jeden erdenklichen Vorwand zu freuen, mit Alarm durch die Stadt knallen und Steuergelder verbrennen zu können – mit dem Wissen, dass ein echter Herzinfarkt womöglich deshalb auf den RTW aus dem Nachbarbezirk warten muss.

 

 

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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17 Antworten zu Fehlalarme der Kategorie II

  1. tobika80 schreibt:

    So ganz kostenfrei ist ein RTW auch nicht für den Patienten. Ich hab gut 6 Monate später eine Rechnung für eine Selbstbeteiligung in höhe von 10 Euro erhalten. Die ging dann aber weiter an die Berufsgenossenschaft da es sich um einen Wegeunfall handelte.

    • firefox05c schreibt:

      Richtig, die Eigenanteilspflicht besteht. Nur sind die 10€ leider nicht sofort fällig, weshalb viele wohl überhaupt nicht daran denken (Danke für den Hinweis, ich werde vielleicht den einen oder anderen Erkälteten daran erinnern), zweitens ist man damit immer noch günstiger im Krankenhaus als mit dem Taxi. Drittens muss ich an dieser Stelle zugeben, dass zumindest in meinem Beritt ein großer Teil der betreffenden Gruppe von den Zuzahlungen befreit ist.
      Zu den Kosten im Allgemeinen:
      Ich gehe davon aus, dass auch bei großzügiger Auslegung (Oma ist schlecht zu Fuß, Patient ist mit der Situation nur subjektiv überfordert oder anderes) etwa ein Drittel aller Transporte nicht medizinisch notwendig sind. Würden die aufnehmenden Ärzte und Ärztinnen nicht fast grundsätzlich alle Transportverordnungen unterschreiben (§264 StGB?) , würden vielleicht auch die Kassen merken, dass es sich dabei entgegen der Aussage der Mitarbeiter durchaus nicht nur um „Kleinigkeiten“ handelt.
      Zur Entwicklung der RTW- Einsatzzahlen: Als ich vor 20 Jahren bei der Feuerwehr anfing, waren auf der Hauptwache 2Rtw im Dienst. Mittlerweile sind es tagsüber 5 (die natürlich auch von den Kassen genehmigt werden mussten) – bei etwa gleichbleibender Bevölkerungszahl! Und die „echten“ Notfälle haben dabei nur wenig zugenommen.
      Die Feuerwehr kann da aber leider nichts dran ändern: Wenn ein Bürger darauf besteht, muss der Leitstellendisponenten schicken. Wenn der Bürger behauptet, dass es ihm so schlecht geht, dass er ins Krankenhaus muss, müssen wir ihn fahren. Zum Ablehnen müssten wir rechtlich gesehen eine „Diagnose“ stellen – und das dürfen nur Ärzte.

  2. Fastdäne schreibt:

    Moin, moin,
    auch im Herbst immer wieder gerne genommen: „Baum auf Straße“ nachts um 01:00. Freiwillige rückt aus um dann vor Ort einen größeren Ast mal eben auf den Grünstreifen zu ziehen. Das hätte jeder auch selber machen können.
    Wie sagte ein Freund der Berufsfeuerwehr? “ Seitdem jeder ein Mobiltelefon in der Tasche hat, fühlt sich auch jeder berufen und befugt für jeden Mist den Notruf anzurufen“. Das ist sicher auch richtig, früher musste man noch eine Telefonzelle suchen, das war wohl eine kleine Hürde.
    Gruß Frank

  3. Und das „Abstumpfen“ geht erschreckend schnell. In meiner Rettungssanitäterausbildung sind wir zum 6. Mal in einer Schicht zum Hbf gefahren, mit der Erwartung, eine weitere HiLo (wie bei den 5 Einsätzen davor) vorzufinden. Wir steigen also mit entsprechendem Elan aus, nehmen nur den Rucksack mit und finden… einen Status epilepticus. Es hat wirklich einige Sekunden gedauert, bis wir alle auf „richtige Medizin machen“ umgeschaltet hatten und noch etwas länger, um festzustellen, dass wir einen anderen Pat. vor uns hatten, als den, wegen dem wir eigentlich gerufen worden waren. Der „richtige“ Pat. war dann ironischerweise wirklich eine HiLo.ä`

  4. betrübter Mensch schreibt:

    Das ist traurig. Ich kenne keine Lösung, ich kann nur Danke sagen dass Feuerwehr und Co bei echten Notfällen (noch??) zur Stelle sind. Ich hatte bisher Glück und brauchte euch nicht, wobei, ich hätte mal fast 112 gewählt, akute Panikattacke mit Luftnot. :-/

  5. sbocean schreibt:

    Echt schrecklich mit den vielen Fehlarlarmen.

    Ich hatte ja schon ein Mega schlechtes Gewissen als letztens innerhalb von 2 Wochen 2x wegen mir von unserem Betriebssanitäter den RTW mit NEF gerufen hatte. Weil ich so eine fiese Hirndruck Krise hatte das ich nicht mehr vernünftig Reden und Laufen konnte.
    Mein Gedanke war echt jetzt sind 2 Rettungmittel im Einsatz weil meine behandelten Neurologen seit 14 Monaten zu dämlich sind für eine richtige Lösung (VP-Shunt) um den Hirndruck mal in den normal Bereich zu bekommen.

    Die OP als notwendig sah zum Glück der Arzt den ich für eine zweite Meinung aufgesucht hatte.

    • firefox05c schreibt:

      … Und diese zweite Meinung möchte der kassenärztliche Verbandsleiter mit einer „Strafgebühr“ belegen. Aber das ist eine andere Sache.
      Gegen einen Einsatz, wie du ihn schilderst, habe ich nichts, denn bei den von dir geschilderten Symptomen wäre ich auch beunruhigt. Jedenfalls wurde der RTW nicht gerufen, um billig und bequem zu einem geplanten Arzttermin zu kommen (auch das ist schon passiert: im Krankenhaus schaut die Ärztin den Patienten erstaunt an und sagt: „Sie sind aber früh, ihr Termin ist doch erst in einer halben Stunde!“)

  6. Löschdrache schreibt:

    Bei uns ist es noch immer günstiger, 3 bis 4 Mal im Jahr die Feuerwehr antanzen zu lassen, als seine besch***** BMA richtig warten zu lassen. Hinzu kommen völlige Fehlplanungen (Fotomelder in einer Großküche! Hallo Wasserdampf…) und unfassbar dummdreiste Handwerker, die „aus Versehen“ ständig Druckknopfmelder mit Werkzeug zielgenau treffen oder ganze Stockwerke so einnebeln, dass natürlich die verbauten Melder eine Auslöseparty feiern. Gekrönt wird das Ganze von einer inkonsequenten Gemeindeverwaltung, die lieber klein bei gibt, also solchen Idioten mal den rechtlichen Marsch vor Gericht zu blasen. Hauptsache die Politik faselt medienwirksam irgendwas von „Ehrenamt stärken“…

    • firefox05c schreibt:

      Hier wird bei mehrfacher Fehlauslösung (insbesondere bei Nachlässigkeiten durch Handwerker oder Hausmeister) auch schon mal eine Rechnung gestellt. Seit dem haben es sich einige Firmen mit der Wartung wohl noch mal durchgerechnet, und einige „Stammkunden“ besuchen wir heute nur noch selten.

  7. Steffen schreibt:

    Die einen beschweren sich (zurecht) über den inflationären Einsatz der Notrufnummer 112.
    Die anderen schreiben dafür „Servicehotline 112“ aufs Einsatzfahrzeug…

    • firefox05c schreibt:

      Mit Verlaub: Die ham’se doch nicht alle Stramm…

      • Steffen schreibt:

        Dachte ich mir auch. Keine Ahnung was die da geritten hat.
        Interessanterweise findet man von dem Auto weder bei der FF Straubing noch sonst wo im Netz weitere Informationen und sie haben den Bock mittlerweile seit fast einem Jahr. Vielleicht steht er ja nur in der Fahrzeughalle.

      • firefox05c schreibt:

        Oder wird tatsächlich nur als „Werkstattwagen“ oder für zB. Notabsperrungen und ähnliche Arbeitseinsätze genutzt.

    • Chris schreibt:

      Und ich hab immer noch ein schlechtes Gewissen, nach nem VU nicht nur RTW sondern auch gleich noch NEF gebunden zu haben (zu Recht, aber trotzdem). Und solche Typen wie beschrieben haben absolut keine Hemmungen. Denen würde ich gern mal erzählen, wie ich mich da gefühlt hab -meine größte Angst waren nicht kaputte Knochen etc, sondern dass da Leute nach dem x-ten Taxi-Einsatz mit entsprechender Laune (völlig verständlich) kommen! Und daran sind solche Vollhonks schuld.
      Omma Erna pfeift lieber tagelang auf dem letzten Loch als sich Hilfe zu rufen, und klein Kevin ruft wegen Übelkeit nach bisschen Saufen gleich nen RTW. Fremdschämalarm!

  8. Löschknecht Pflasterlasterfahrer schreibt:

    Als Berufskollege kann ich Dir da nur zu 100 % zustimmen.
    Mich nervt es einfach nur noch.
    Man müsste viel häufiger nicht beförderungspflichtige Patienten zu Hause lassen und auf den ÄBD o.ä. verweisen. Aber wer zieht sich den Schuh an? Überall das gleiche…

    Wo ich hier schon mal schreibe: Vielen Dank für Deine Beiträge, immer wieder nett zu lesen.

    • Dennis schreibt:

      Das löst das Problem ja auch nicht. Dann stellt der ÄBD eben ne Einweisung und nen Transportschein aus. Dann landet der Kunde eben trotzdem in der überfüllten Klinik.

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