Reiseunterbrechung

Auf dem Weg zu meinen Eltern dämmerte es bereits, es war schon fast Zeit für die Tagesschau und ich hatte gerade die Autobahn verlassen. Ich war alleine unterwegs und freute mich, in einer dreiviertel Stunde mit meinen Altvorderen ein aromatisiertes Heißgetränk zu mir nehmen zu können. Als ich auf der Bundesstraße mit mäßigem Verkehr auf eine Nothaltebucht zufahre, sehe ich dort Warnblinklichter: Zwei PKW stehen dort, ein Warndreieck war bereits aufgestellt worden. Neben den Autos stehen zwei junge Männer. „Eine Panne. Gut, dass es an einer Haltebucht passiert ist, dann sind sie weg von der Fahrbahn“, denke ich mir. Immerhin ist hier eine Geschwindigkeit von 100 Klamotten erlaubt, die aber aufgrund des guten Ausbaus häufig überschritten wird.

Ohne Warnweste kann es gefährlich werden. wenn man abgelenkt ist

Weiter angenähert, entdeckte ich etwa 15 Meter hinter der Bucht im Halbdunkel noch mehr Personen am Straßenrand – und einen SUV im Graben, der mir seine Bodengruppe zeigt! Auf dem Wagen klettern drei Männer herum, hinter dem Auto stehen vier Frauen ratlos am Straßenrand. An der geöffneten Kofferraumklappe sehe ich jemanden mit einer roten Jacke einer Hilfsorganisation.

Vorsichtig fahre ich an der Unfallstelle vorbei und halte dahinter an. Ich steige aus und frage: „Nabend! Ist da noch jemand drin?“- „Jaja!“, antwortet mir eine etwa 20jährige. „Der Fahrer. Da ist auch schon ein Feuerwehrmann bei ihm!“ – „Und hat jemand den Notruf abgesetzt?“ Ein anderer Ersthelfer bestätigt dieses. Ich kehre um: „Okay, dann hole ich mal mein Zeug …“

Am Kofferraum ziehe ich die Warnweste an, greife zwei Blitzleuchten und meinen Sanikoffer und gehe zum verunglückten Fahrzeug. Nachdem ich die Leuchten auf die Straße geworfen und damit einen Sicherheitsabstand auf der Fahrbahn markiert habe, spreche ich das Mädel mit der HiOrg- Jacke an, welches ich bei der Anfahrt am Unfallauto gesehen habe: „Ich bin NotSan. Wie sieht’s denn aus?“ Sie klärt mich auf: „Da ist nur der Fahrer drin, aber der ist nicht ansprechbar. Ein freiwilliger Feuerwehrmann kümmert sich um ihn.“ Dann ruft sie ins Auto: „Hier ist ein Notfall- Sanitäter!“ , worauf ich von innen erleichtert höre: „Gut! Dann kann der ja übernehmen und ich unterstütze!“ – Petze… 😉 An den Reaktionen der Ersthelfer erkenne ich, dass ich offensichtlich die höchste Ausbildung unter ihnen habe.

Für einen Zugang durch den Kofferraum nach vorne ist die hohe Rückenlehne mit den Kopfstützen im Weg. Daher gelange ich nur von oben durch die Seitentür ins Fahrzeug. „Ich klettere dann mal rein“, kündige ich an. Als ich den Koffer abstelle und mich anschicke, aufs Auto zu klettern, fragt das Rotkreuz- Mädel engagiert: „Soll ich den Koffer besetzen, wenn du drinnen am Patienten bist?“ „Besetzen“ heißt, dass sie mir bei Bedarf die benötigten Materialien aus den Koffer suchen und mir angeben würde. Es ist toll, wenn man vor Ort auf Ersthelfer trifft, die schon eine gewisse Ausbildung für Notfälle haben und daher wissen, welche Arbeiten nun zu tun sind, Ruhe bewahren und sich auch sprachlich auf einer Ebene bewegen! Dabei ist es zunächst egal, ob es sich dabei um Sanitätshelfer, THW- Angehörige oder Feuerwehrleute handelt: Man hat damit Leute, auf die man in der Regel zählen kann. „Ja, danke. Aber ich will mal sehen, was da überhaupt los ist“, nehme ich ihr Angebot an. Über die Hinterradaufhängung und das Auspuffrohr gelange ich auf die Seite des SUV. Oben schaue ich durch die von einem weiteren Ersthelfer offengehaltene Beifahrertür hinunter. Dort steht ein junger Mann mit blauem Feuerwehr- Pullover über dem Fahrer mit grauem Haar. Dieser liegt auf der Seitenscheibe und rührte sich nicht. Der Kollege macht ebenfalls eine Patientenübergabe: „Fahrer ist nicht ansprechbar, aber atmet. Puls etwa Hundert, noch keine Verletzungen entdeckt. Offensichtlich auch nicht eingeklemmt.“ – „Okay, danke. Ich steige dann hinten ein“, antworte ich. So haben wir beide Platz.

Ich wuchte die Fondtür hoch, sie wird von einem weiteren Ersthelfer, der hinter mir aufs Auto halb hoch geklettert war, für mich auf gehalten, so dass ich zwischen den Vordersitzen und der Rückbank hinuntersteigen kann. Über mir lasse ich die Tür wie ein Panzerturmlug wieder zufallen. Unten liegt Kleidung. Steckt dort noch ein weiterer Verletzter drin? Vorsichtig prüfe ich es, aber es ist wirklich nur ein Bündel Stoff. Ich kann also drauftreten, um mich hinter dem Fahrersitz zu positionieren.

Ich orientiere mich: Die Seitenscheiben sind ganz, ebenso das Panorama- Glasdach des Autos. Der Frontairbag hat ausgelöst, der schlaffe Sack hängt lustlos aus dem Lenkrad heraus. Vor der Frontscheibe, die gerissen ist, macht sich das Gestrüpp des „Straßenbegleitgrüns“ breit. Im Auto sind sonst nur wenige Zerstörungen sichtbar, die Innenbeleuchtung funktioniert noch und taucht alles in ein fahles Licht. „Kannst du dich in eine bessere Position bringen und den Kopf festhalten?“, frage ich den blauen Kollegen. „Klar, Moment“, antwortet er und turnt weiter zum Patienten hinunter. Als er den Kopf des gut hörbar atmenden Fahrers übernommen hat, mache ich mir Gedanken, ob wir für die Befreiung des Patienten schon etwas vorbereiten könnten. Zunächst stemme ich mich mit den Füßen gegen das große Glasdach, in der Hoffnung, dass es vielleicht herausbricht. Es reicht bis weit über den Kopf des Fahrers und könnte eine schnelle Möglichkeit zur Rettung bieten. Keine Chance: Es knistert nur ein wenig, als die Risse in der Scheibe sich vergrößern, aber rührt sich kein bisschen. Wahrscheinlich ist es als tragendes Element konstruiert und deswegen besonders stabil und fest mit dem Rest des Daches verbunden.

Als nächstes versuche ich die Rückbanklehne zu entriegeln, um vielleicht nach hinten einen Durchgang zu schaffen. Doch die Verriegelungen waren durch den Überschlag des SUV aus den Rahmen gebrochen und klemmen nun. Ich bekomme sie nicht auf. Nicht einmal die Kopfstützen kann ich entfernen, da die Stangen daran so lang sind, dass sie noch in der Rückbank stecken, als ich das Kopfpolster bis unter das Dach schiebe. Den Patienten einfach nach oben aus der Beifahrertür heraus zu ziehen kommt nicht infrage: Zu groß wäre die Gefahr, den bewusstlosen, älteren Mann dadurch stark zu schädigen, falls er irgendwelche Verletzungen an der Wirbelsäule oder am Becken haben sollte. Das wäre allenfalls als Option im Hinterkopf zu bewahren, wenn er plötzlich die Atmung einstellen würde: In der Embryonalstellung, in der sich der Fahrer gerade in dem engen Raum hinter dem Lenkrad befindet, wäre eine Beatmung oder gar eine Reanimation unmöglich! In dem Fall kann man auf andere Verletzungen keine Rücksicht mehr nehmen, denn dann wären nur noch zwei Optionen möglich: Entweder eine schonende Leichenbergung, oder ein Versuch, das Leben des Fahrers doch noch zu retten, obwohl man ihm dabei unter Umständen weitere Verletzungen zufügt. Nach meiner erfolglosen Erkundungstour übernehme ich die Stabilisierung des Patientenkopfes, da der Feuerwehrkollege in einer doch recht unbequemen Lage über dem Fahrer hockt.

Nun waren etwa zwei Minuten vergangen, und der Patient fängt leise an zu stöhnen. „Ich glaube, er wird wieder wach“, gebe ich dem Kollegen, der wie ein Erdmännchen oben aus dem Auto heraus nach den Rettungskräften Ausschau hält, die Rückmeldung. Als der etwa 70jährige Mann noch etwas weiter aufgeklart ist, spreche ich ihn laut an: „Können Sie mich hören? Haben Sie irgendwo Schmerzen?“ Er gibt ein leises „Nein“ von sich. „Bitte bleiben Sie noch so liegen!“, fordere ich ihn auf, und taste den Körper und die Wirbelsäule ab, so weit es geht. „Tut das weh? … Spüren Sie meine Hand an Ihrem Oberschenkel? … Können Sie ihre Füße mal ein wenig bewegen?“, frage ich ihn bei der Untersuchung. Er gibt weiterhin keine Schmerzen an und bewegt auf Aufforderung die Füße und Arme. „Gut. Dann bleiben Sie bitte still liegen, die Kollegen holen Sie gleich möglichst schonend hier raus“, informiere ich ihn.

Blaulicht zuckt nun durchs Auto: Der Rettungsdienst trifft ein. Ich höre, wie das Rotkreuz- Mädel der RTW- Besatzung übergibt, dass bereits ein NotSan (also ich) im Auto ist. Über mir findet nun ein Ringtausch statt: Der NotSan des RTW übernimmt den Zugang von oben vom Feuerwehr- Ersthelfer, dieser löst den Helfer ab, der die Beifahrertür offenhält, und letzterer ist nun entlassen. Ich bleibe zunächst auf meinem Platz hinter dem Fahrer. Beim Abtasten des Sitzes habe ich keine Verstellmöglichkeit für die Rückenlehne des Fahrersitzes gefunden, daher ist es bei ihm immer noch recht eng. – Es ist schon verwunderlich: So ein SUV sieht immer riesig aus, aber wenn es auf der Seite liegt, kann man sich kaum darin rühren!

Ich übergebe dem nun über mir mit einer roten Jacke erscheinenden Kollegen den Patienten mit allem, was ich bisher weiß. Er wiederum klärt seinen Spannmann auf, der wohl hinter dem Fahrzeug steht und zuarbeiten muss. Der NotSan schaut sich dann den Patienten im Halbdunkel der Innenbeleuchtung näher an: „Aber den kenne ich ja! Das ist Jürgen, der ist KHK- Patient.“ (KHK: Koronare Herzkrankheit) Ein Herzanfall würde erklären, warum der Fahrer auf diesem geraden Stück Straße von der Fahrbahn abkam und die Grünanlagen zerstörte.

Zwischenzeitlich treffen auch das NEF und die Feuerwehr ein, draußen wird es rummelig. Stimmengewirr, Befehle werden gegeben, ein Generator springt an. Die Notärztin kommt an das Auto und lässt sich über die Situation informieren: Puls, Atmung, Durchblutung, sichtbare Vereltzungen … Ich rechne nun damit, dass ich als Ersthelfer von einem Kollegen des RD oder der Feuerwehr abgelöst werde, aber es wurde wohl entschieden, dass die Sache bisher zufriedenstellend läuft: Die Ärztin bleibt hinter dem verunfallten Auto stehen, die Feuerwehr bereitet ihre hydraulischen Rettungsgeräte vor, und ich bleibe weitere 15 Minuten im Auto.

Während der NotSan, der nun mit einem Fuß auf der Lenksäule und mit dem anderen auf dem Mitteltunnel steht, mit Jürgen spricht, um zu beobachten, wie sich sein Zustand verändert, reicht er mir die EKG- Strippen hinunter, die ich in sinnvoller Reihenfolge am Brustkorb des Patienten verklebe. Dann setzt er den Clip für die Sauerstoffmessung auf Jürgens Finger. „Was ist denn los? Was ist passiert?“, fragt der Patient verwirrt. „Du hast dich mit dem Auto überschlagen“, antwortet der Kollege. „Siehst du das Gestrüpp vor dem Fenster? Das ist die Grabenböschung.“ Der alte Mann fand sich noch nicht in der Situation zurecht: „Mein Auto… Das ist kaputt, nicht?“

Ich höre die Notärztin, die hinter dem Auto steht und den EKG- Monitor beobachtet, melden: „Joa… EKG ist gut.“ Ich weiß nicht, was sie mit „gut“ meint: ob sie auf einer elektrisch guten Ableitung einen amtlichen Infarkt erkennt, oder ob sie ein kardiologisch unauffälliges, und damit ein klinisch gesehen gutes Bild sieht … Der NotSan lässt das Stauband vor meiner Nase pendeln, das ich ihm abnehme und um den Oberarm des Patienten tüdele. Er beginnt damit, in der rechten Armbeuge einen Zugang zu legen, während der Patient weiter auf der linken Seite liegt und immer weiter aufklart. Er gibt nun orientiert Auskunft auf unsere Fragen.

Ein Spineboard, hier in zwei Hälften zerlegbar („Combi-Carrier“)

Die Rettungskräfte haben sich entschieden, den Fahrer durch den Kofferraum herauszuholen: Man entfernt dafür die Rückenlehnen im Auto, schiebt ein Spineboard (ein Rettungsbrett) unter den Patienten und zieht ihn damit heraus. Ein Feuerwehrmann macht sich also an der Lehne der Rückbank zu schaffen, aber auch er bekommt diese nicht entriegelt. „Ich will hier raus“, sagt der zunehmend unruhig werdende Mann vor mir. „Die Schulter tut mir jetzt weh!“ Schon klar: Er liegt immer noch auf der unbequemen und kantigen Innenverkleidung der Tür. Um sich hier heraus zu schälen, müsste er sich aber wie eine Ballerina verdrehen, was sehr ungünstig bei einer vielleicht verletzten Wirbelsäule wäre. Überhaupt ist die Immobilisierung des Patienten hier drin unmöglich, dann sollte er wenigstens von sich aus still halten.

Ich rede dem Fahrer wieder zu, dass er bitte liegen bleibt, bis die Feuerwehr ihn schonend herausholen kann. Hinter mir beginnt die Einsatzkraft, mit dem Spreizer an der Rückbank herumzubrechen. Das Herausspreizen ist jedoch gar nicht so einfach: Das Gestell in der Rückenlehne verbiegt sich zwar in alle Richtungen, aber die Scharniere reißen nicht ab! Die Lehne ächzt und stöhnt, bekommt Beulen und Falten. Schließlich gibt das erste Gelenk doch nach.

Zwischenzeitlich klemmt ein anderer Feuerwehrmann vorne die Fahrzeugbatterie ab, die Innenbeleuchtung geht nun aus. Nur das spärliche Licht der Einsatzstellenbeleuchtung fällt von außen hinein. LKW- Motoren dröhnen, aus der Ferne höre ich weitere Martinhörner durch den Abend rufen. Der Feuerwehrkollege im Kofferraum setzt mit seinem schweren Gerät neu an und spreizt wieder. Dieses mal wird die Lehne knirschend in meine Richtung gebogen. Als sie mich schon merklich an den Fahrersitz drückt und ihr Befestigungsbolzen trotzdem nicht aufgeben will, melde ich mich: „Äh, Kollege? Es wird ziemlich eng hier…“ Das merkt nun auch der Blaurock und setzt den Spreizer nochmals anders an. Ich bekomme wieder ein wenig mehr Platz. Die Rückbank stöhnt und ächzt. Plastik splittert.

Zwischenzeitlich berichtet der Fahrer, der immer noch in seiner Zwangslage zwischen Sitz und Lenkrad liegt, dass er vor dem Unfall einen stechenden Schmerz im Bauch verspürte. An das Folgende kann er sich nicht mehr erinnern. Vielleicht hatte er da bereits schon das Bewusstsein verloren. Auf meine Frage, ob er denn nun irgendwelche Schmerzen in der Brust oder Atemprobleme hätte, verneint er. „Aber meine linke Seite tut jetzt immer mehr weh, alles drückt!“, beschwert er sich. Nur mit etwas Überredungskunst lässt er sich von uns davon abhalten, einfach aus der Tür über ihm herauszuklettern. Aber noch konnte er nicht vernünftig untersucht werden, also ist Vorsicht geboten.

Seit meinem Eintreffen sind nun etwa 20 Minuten vergangen. Der zunächst bewusstlose Fahrer war nun wieder voll orientiert. Jetzt antwortet er jedoch auf die erneute Frage, ob noch alles gut sei: „Ich bekomme ein Flimmern vor den Augen…“ Das klingt für mich nicht so toll. Entwickelt der Mann jetzt ein Hirnbluten? Ich vergewissere mich, dass der Kollege vom Rettungswagen, der immer noch über uns in der Beifahrertür steht, diese neue Entwicklung mitbekommen hat. Er gibt die Information an die Ärztin hinter dem Auto weiter.

Die eine der beiden Rückbankhälften ist zwar trotz der Bemühungen der hydraulischen Rettungsgeräte immer noch nicht ganz abgerissen, aber durch das wiederholte Verformen so weich, dass ich sie gegen die unter mir befindliche Autotür biegen kann. Zwei mal darauf rumgehüpft, und sie liegt flach. Der Feuerwehrmann im Kofferraum macht nun Anstalten, weiter ins Innere vorzudringen, um als nächstes die Lehne des Fahrersitzes abzuschneiden. Dabei bin ich dann natürlich im Weg, so dass ich mich beim RD- Kollegen abmelde und durch die Tür über mir aus dem Wrack klettere.

Die Einsatzstelle ist sehr langgezogen: Dass weiter hinten noch ein beteiligter Kleinwagen steht, erfahre ich erst später

Oben auf dem Auto stehend sehe ich die Straße, die nun etwas voller ist als bei meinem Einsteigen ins Unfallfahrzeug: Mehrere Großfahrzeuge der Feuerwehr, der RTW und das NEF stehen dort im gleißenden Licht der Arbeitsscheinwerfer, freies Personal hat sich hinter dem Unfallauto versammelt. Die Ärztin beobachtet weiterhin das EKG- Gerät. Polizisten nehmen die Personalien der Helfer auf. Auf der Straße liegt eine Plane mit bereitgestellten Rettungsgeräten, auch die RTW- Trage steht schon im Blaulichtgewitter bereit.

Ich klettere vom SUV hinunter, sammle mein Material wieder ein und gebe der Polizei ebenfalls meine Personalien an. An meinem hinter der Unfallstelle stehenden Auto hat sich eine Ersthelfer- Traube gebildet: Zwei junge Männer sitzen auf der Ladekante meines Kofferraumes, einige andere Personen stehen davor. Sie alle versuchen sich ein wenig zu sammeln und warten, dass sie irgendwann weiterfahren können: Ihre Autos waren von den Rettungskräften zugeparkt worden. Meines steht frei … 😉

Ich bedanke mich noch bei dem Feuerwehrmann und der jungen Frau vom Roten Kreuz, die mich anfangs unterstützten. Beim Smalltalk erfahre ich, dass sie gerade von einer Fortbildung gekommen war, als sie auf den Unfall traf. Darum hatte sie auch ihre Einsatzkleidung an. Eine dreiviertel Stunde später treffe ich endlich bei meinen Eltern ein. Für einen Kaffee finde ich es nun aber etwas zu spät.

Zwei Tage später erfahre ich aus der Zeitung, was passiert war: Der Mann im SUV hatte – wahrscheinlich aufgrund eines internistischen Notfalles – die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, im Gegenverkehr einen Kleinwagen gestreift und war dann in den Graben gefahren, wo er sich überschlug. Leider stand in der Meldung auch, dass der Patient, um den ich mich über 20 Minuten gekümmert habe, im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben ist. Ob es aber ein Hirnbluten, ein Beckenbruch oder andere innere Verletzungen waren, die ihn letztendlich das Leben kosteten, werde ich wohl nie erfahren.

Einige Tage später bekomme ich einen Anruf der Polizei: Der Beamte, der die Akten des Unfalles zur Bearbeitung auf dem Tisch liegen hat, erkundigt sich, ob es mir als Ersthelfer nach dem Unfall gut ginge. Er wolle mir sonst eine Kontaktadresse geben, wo ich mich mal melden könne. Dankend lehnte ich ab, aber ich finde es toll, dass er überhaupt daran gedacht hat. Von ihm erfahre ich auch, dass ein anderer Ersthelfer die Sache wohl nicht ganz so gut weggesteckt hat.

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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7 Antworten zu Reiseunterbrechung

  1. Ben schreibt:

    Angesichts des Verlaufs – erst ansprechbar und ohne Schmerzen, später verstorben – und der langen Rettung frage ich mich, ob eine „Crashrettung“ – Tür auf, raus mit ihm und ins nächste Klinikum – nicht besser gewesen wäre, zb um Blutungen rechtzeitig unter Kontrolle zu bekommen… Aber weis man im Nachhinein nicht.

    • firefox05c schreibt:

      Vor Ort sah es zunächst (bis zu dem Zeitpunkt, als er das Flimmern angab) so aus, als hätte der Mann keine Verletzungen erlitten und lediglich vor dem Unfall eine Kreislaufschwäche erlitten. Der Ausgang war nicht vorhersehbar. Bisher ist mir auch nicht bekannt, ob er wirklich an den Unfallfolgen (wie es in der Presse stand), oder vielleicht mehr oder weniger zusammenhanglos an etwas internistischem gestorben ist.

  2. Tirsi schreibt:

    Meine Hochachtung und von Herzen Dankeschön an alle Erst- und andere Helfer die angehalten haben um zu helfen. Es ist egal wieviel man helfen kann, selbst wenn es nur Notruf absetzen und seelischen Beistand leisten ist, ist das immer noch 100% mehr und besser als gaffend vorbeizuschleichen oder ignorierend den Unfall links liegen zu lassen.

    Vielen lieben Dank euch Allen! ❤

    • firefox05c schreibt:

      Es gebietet die Ethik (und unsere christlichen Grundwerte, die von den Heißluftproduzenten immer gerne hochgehalten werden, wenn es gegen „Fremde“ geht), bei einem Unfall mit den eigenen Möglichkeiten zu helfen, so gut es geht. In diesem Fall waren aber schon genug Ersthelfer vor Ort, als ich hinzu kam – wie auf dem Originalfoto zu sehen. Wenn man als Passant also keine besondere Qualifikation oder besondere Ausrüstung hat, muss man in meinen Augen nicht notwendigerweise auch noch anhalten. Ich bin also niemandem böse, der dort nach mir vorbei gekommen ist.
      Etwas anderes ist es, wenn man eine Notfallausbildung oder eventuell benötigte Ausrüstung hat (zum Beispiel einen Feuerlöscher, Brechstange oder erweitertes EH- Material). Dann muss man sich mindestens mal kurz erkundigen, ob noch etwas / jemand gebraucht wird. Sollte dieses nicht der Fall sein, hat es vielleicht 10 oder 20 Sekunden gekostet. Die sollte jeder für seinen Mitmenschen erübrigen können.

      • bloggergramm schreibt:

        Was ich grundsätzlich spannend finde: Praktisch alle, von denen ich weiß das sie in eine Notfallausbildung haben, waren schon mal in einer Ersthelfer-Situation. Von denen, die keine solche Ausbildung haben, war es nur ein sehr geringer Anteil.

      • firefox05c schreibt:

        Ich kann mir vorstellen, dass das an mindestens zwei Faktoren liegen kann:
        Zum einen würde jemand ohne Ausbildung wohl eher an einem „EH- Fall“ vorbeifahren, wenn dort bereits einige Menschen stehen, die so aussehen, als wollten sie helfen (wie bei dem obigen Unfall). Das ist aber für jemanden ohne Ausbildung nicht zwingend falsch, da ein weiterer Mensch, der u.U. nur hilflos herumsteht, auch nicht zielführend ist. Im obigen Fall waren schon mehrere Ersthelfer, sogar mit „roter Jacke“, vor Ort. Ein „Ausgebildeter“ wird vermutlich trotzdem anhalten und sehen, ob er und sein Wissen (und ggf. die mitgeführte Ausrüstung) gebraucht werden. Zack, schon bisse drin … 😉

        Zum anderen haben Menschen, die auf Notfälle „trainiert“ sind, einen anderen Blick: Während jemand ohne Ausbildung unbedarft durch eine belebte Fußgängerzone geht, ohne etwas zu bemerken, fällt einem engagierten Ersthelfer schon auf 50m Entfernung auf, wenn irgendwo eine Menschengruppe „ungewöhnlich“ herumsteht, weil vielleicht jemand zwischen ihnen am Boden liegt. Ich schaue jeder alten Frau hinterher, die sich an einem Zaun oder einer Laterne festhält, weil ihr vielleicht bloß die Beine schmerzen, fahre langsamer, wenn ich jemanden an der Bushaltestelle sehe, der „ungewöhnlich“ sitzt oder liegt, und wenn mir jemand verwirrt vorkommt, spreche ich ihn an. Selbst, wenn ich bloß ein ungewöhnliches Geräusch höre (ein Piepsen, einen Ruf, ein umfallender Gegenstand, ein weinendes Kind …), schalte ich unbewusst in eine Art „Notfall- Modus“ und schaue meist nach, was passiert ist. Ich denke, vielen Menschen ohne Hintergrund würde das überhaupt nicht auffallen.
        Beispiel: Nachts höre ich jemanden vor dem Schlafzimmerfenster vorbeigehen, eine Frau sagt: „Nur noch ein Stückchen, dann sind wir zu Hause!“ Während meine Frau nicht reagierte, stand ich sofort auf, schaute aus dem Fenster und sah zwei Frauen, von denen eine einen Asthmaanfall hatte. Eine Minute später drückte ich ihr das ihr bekannte Berotec (Asthmaspray) in die Hand. So schnell kann es gehen. 😉
        So könnten einige tatsächlich häufiger in solche Situationen kommen andere.

  3. Emily - Star schreibt:

    Es war auf jeden Fall sehr gut, daß Du dort warst! Auch wenn der Fahrer verstorben ist, so hast Du doch allen Anwesenden eine gewisse innere „Sicherheit“ vermitteln können.

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