Rotzevoll

Abends in der Bereitschaftszeit saßen wir noch im Aufenthaltsraum am Esstisch. Es war nachmittags auf dem RTW wieder rummelig gewesen, so dass wir erst jetzt, gegen 22.00Uhr, endlich unseren Kalorienverbrauch kompensieren konnten. Nun, da wir aufgegessen hatten, klingelte es auch schon wieder am Gürtel: „Schulstraße 55, HP Alk vor der Tür. 2 Patienten“ . Ich schaute etwas irritiert zum Kollegen rüber: „Zwei Patienten? Und dann fahren wir alleine? Na, da ist doch schon wieder was faul…“

Die Einsatzstelle lag in einer Einkaufsstraße, und dort im Umfeld gab es auch einige Obdachlose, die im Grunde „Stammkunden“ waren. Mit so einem Patienten rechneten wir nun: Ein Sandler legt sich in einen Hauseingang, um auszuschlafen, und die Bewohner möchten ihn „weggeschafft haben“. Aber gleich zwei Patienten?

Als wir an dem angegebenen Wohnblock aus den Siebzigern eintrafen, sah ich schon einen kleinen Auflauf vor einem Hauseingang. „Da drüben ist es, da hat sich der gemeine Mob schon versammelt“, wies ich den Kollegen auf die Ansammlung hin. Er hielt mit unserem Versehrtentaxi auf das Gebäude zu und wir stigen aus. „Nabend! Was gibt’s denn hier?“, fragte ich in die ratlose Truppe. „Ich bin Koch in dem Restaurant nebenan“, berichtete ein Zeuge. „Da habe ich Hilferufe gehört, und als ich hier hin kam, lagen die Zwei dort im Windfang!“ Es standen etwa acht Personen, sowohl Männer als auch Frauen, teils besorgt, teils amüsiert, herum. Als die Menge auseinanderrückte und ich den Pulk durchschritt wie Moses das rote Meer, tat sich ein Windfang vor mir auf, in dem ein Rollator stand. Neben dem Rollator lag schimpfend eine dickliche Frau im höheren Alter wie ein Maikäfer auf dem Rücken und kam nicht mehr alleine hoch. Sie lallte ordentlich, was auf einen forcierten Konsum vergorener Getreideextrakte schließen ließ. Etwa zwei Meter weiter, direkt vor der Glastür des Wohnblocks, saß ein ebenfalls nicht mehr ganz taufrischer Mann an der Eingangswand und hielt wohl Nickerchen. Während „Er“ aussah, als sei eine Hungersnot ausgebrochen, sah „Sie“ so aus, als trüge sie Schuld daran.

Ich vergewisserte mich kurz, dass der Mann wirklich nur schlief und ausreichend atmete, bevor ich mich der Dame zuwandte: „Was ist denn passiert? Sind Sie gestürzt?“ – „Jhaa, sch’abe kuaß das Leichewich valoan“, lallte sie. „Nu kommisch nimma hoch! Hilf mich ma!“ Sie wedelte mit den Armen. Ich musste mir das Grinsen verkneifen: Die Dame, bestimmt fast 80, mit einer Strumpfhose mit geschätzt 200DEN, einem schlichten blauen Faltenrock und einem beige-farbenen Jäckchen, hatte wohl in der Kneipe das Klingeln zum Aussteigen nicht gehört. Nun war der Zug abgefahren. Schadensbegrenzung war angesagt. „Moment mal“, bremste ich die Omi. „Tut Ihnen denn irgendwas weh? Wenn ich hier am Rücken drücke? Können Sie die Beine bewegen? Haben Sie sich irgendwo verletzt?“, begann ich meine Quiz- Veranstaltung, während ich sie abtastete. „Nää, ah’s in Ordnunn. Sch’will nur hoch, verstehsse? Unn‘ dann in‘ Bett. Sch’wohne hier. Un‘ datta iss‘ mein Kurt“, klärte sie uns auf, um sich dann an ihren tief schlummernden Gatten zu wenden: „Kuuuat! Samma watt! Komma hoohoch!“, krakehlte sie, und zu mir: „Sch‘ komm aba nich‘ mit in Krankenhaus.“ Die umstehenden Leute, die sich bis eben nicht getraut hatten, die Dame anzufassen, in der Sorge, sie könne sich beim Sturz verletzt haben, waren nun sichtlich amüsiert. „Erst mal sehen wir, dass wir sie hoch bekommen“, kündigte ich an. Mit meinem Kollegen wuchtete ich die beleibte Frau wieder auf die Beine und stellte sie an den Rollator. „Und?“, fragte der Kollege. „Wie iss? Schwindelig? Irgendwo Schmerzen?“ – „Nee, danke. Nu will’i nunnoch in mein‘ Wohnung“, stieß sie mit schwerer Zunge hervor. Offensichtlich war sie so weit in Ordnung und kein Fall für die ärztliche Überwachung. „Ja, können Sie. Aber erst mal muss ich nach Ihrem Mann sehen“, teilte ich ihr mit. „Der will aunich mit!“, rief sie sofort. Ich gab streng zurück: „Das muss er mir schon selbst sagen, und dann sehen wir weiter.“

Kurt, ebenfalls wohl schon die 70 überschritten, mit ausgebeulten Jeans, Hemd und brauner Lederjacke, saß immer noch zusammengesunken an der Wand. Neben ihm lagen ein Schlüsselbund und zwei Gehstützen. Er schien also auch im nüchternen Zustand kein 100m- Sprinter mehr zu sein. Seine Fingernägel waren vom Nikotin gelb. Ich hockte mich daneben und schüttelte ihn: „Hallo? Hallo-hooo! Der Rettungsdienst hier. Machen Sie mal die Augen auf!“ – Keine Reaktion, nur leises Schnarchen. Ich ärgerte ihn etwas, indem ich mit den Fingerknöcheln auf dem Brustbein rieb, was je nach Ausführung ziemlich weh tun kann: „Die Augen mal auf! Ich gehe nicht weg, bis Sie einmal reagiert haben!“ Manchmal helfen solche Drohungen, um dem Patienten ein Grunzen oder ein Blinzeln abzunötigen. Einige Delinquenten spielen schon mal den „tief schlafenden“, weil sie einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen. Aber nicht mit mir. 😉  Doch heute: Keine Reaktion. „Hömma, Herr Sanitäter, der kommt aba nich‘ mit in Krankenhaus. Der geht mit in Bett, verstehsse?“, forderte die Dame, die hinter ihrem Rollator mit runden Füßen im ständigen Kampf mit dem Gleichgewicht stand und uns beobachtete. Mein Kollege musste die Frau enttäuschen: „Wenn Ihr Mann nicht mehr laufen kann, geht der auch nicht mit Ihnen in die Wohnung. Dann müssen wir ihn mitnehmen.“ Worauf sie sich wiederum lautstark zur Belustigung der mittlerweile etwas gewachsenen Zuschauerschaft an ihren Mann wandte: „Kuuuat! Samma watt! Steh getz auf und komm inne Woohng!“ Doch Kurt schien sich abgemeldet zu haben und war momentan abgeschaltet.

Ich stellte mir die Story so vor: Beide hatten ordentlich gebechert, und nachdem sie zusammen von der Tränke zum Wohnhaus gewackelt waren, wollte er den Hausschlüssel benutzen. Dieser fiel ihm aber aus der alkoholbetäubten Hand. Beim Versuch, ihn wieder aufzuheben, rutschte er rücklings an der Wand hinunter. Und wo er da unten schon mal saß, konnte man ja auch gleich den Akku etwas nachfüllen: Döppen dicht, Out of Order. Betriebspause. Seine Frau versuchte dann, ihn hoch zu ziehen, kam dabei aber selbst ins Straucheln und legte sich nach dem Überschreiten ihres Schwerpunktes neben ihren Mann auf den Rücken. Der Dampfer war mit Bordmitteln nicht mehr flott zu bekommen, und so rief die Dame um Hilfe.

Nun stand „Sie“ da und redete auf uns ein, dass ihr Kurt nicht mit ins Krankenhaus wolle. Dieser zeigte plötzlich doch noch eine Reaktion: Er rülpste. Und danach noch mal. „Oh- oh!“, raunte ich und wiech einen halben Schritt zurück, in der Ahnung, was nun kommen würde. Und es kam: Kurt erbrach mehrfach alles, was er zuvor in der Kneipe so teuer bezahlt hatte.  In mehreren Schwällen kam zunächst nur das Bier, dann schwamm darauf auch seine Zahnprothese mit in seinen Schoß. Nun machte er sogar die Augen auf, anscheinend ging es ihm nun, mit entleertem Ballasttank, schlagartig besser. „Wassn hier looos?“, gab er irritiert von sich. Seine Prummelfee gleich dazwischen: „Kuuuat! Hoch getz! Du muss‘ in Bett! Sonz musse mit in Krankenhaus!“ Kurt schaute von einem zum anderen und schien sich zu wundern, wo er war. „Sie sind vor ihrer Haustür!“, klärte ich ihn auf. „Außerdem haben Sie ganz schön getankt. Und hier ist es ein bisschen doof mit Schlafen. Geht’s nun wieder?“ Kurt schaute mich aus glasigen Augen an und fasste sich ein Herz: „Willin Bett“, brummte er. „Nur, wenn Sie mir zeigen, dass Sie auch wieder in  der Lage sind, zu laufen“, forderte ich. „Wenn Sie nicht laufen können, können wir Sie auch nicht einfach hier lassen.“ Da er auch in nüchternem Zustand wohl nicht alleine auf die Beine gekommen wäre, hielt ich es für legitim, ihm beim Aufstehen zu helfen – auch, wenn es das Bewertungsprotokoll verfälschen könnte. Er brachte es mit etwas Hilfe auch tatsächlich in die Senkrechte. „Hier, Ihre Zähne!“, hielt ich ihm die Prothese unter die Nase. „Die müssen Sie mitnehmen. Sind teuer, gibt es auch nicht so oft von der Kasse.“ Er schaute drauf und steckte sie dann mit allen üblichen Verschmutzungen, die nach dem Erbrechen so anhaften, wieder ins Schotterwerk. Dann wackelte er selbstständig in Richtung der Eingangstür und schickte sich an, den Hausschlüssel zu suchen. „Wohnen Sie denn hier überhaupt?“, fragte ich und hob den Schlüsselbund vom Boden auf. Während er noch mit unpräzisen Bewegungen seine Taschen durchsuchte, war seine Frau schon mit ihrem Fahrgestell neben mir und bat mich um den Schlüssel: „Gib‘ mich datt ma. ‚ Tüllich wohn wa hier. Im ßweiten Stock. Neben Faahstuhl links. Passauf, isch zeich dich…“ Sie brachte es tatsächlich fertig, die Tür alleine aufzuschließen. „Nun, wenn das jetzt so ist…“, sagte ich meinem Kollegen, „dann brauchen die Zwei wohl doch nicht mit uns fahren. Schutzreflexe da, Bett da, laufen können sie…“ Kollege nickte grinsend: „Allenfalls müssen sie morgen das Bett neu beziehen. Vielleicht fruchtet die Erfahrung dann ja noch…“ Sein Optimismus war schon bewundernswert. Aber ich denke, ihm passte die Entscheidung, unsere Ethanol- Fans nur noch ins Bett zu bringen, auch ganz gut. So gaben wir bis zum Fahrstuhl und im zweiten Stock bis zur Wohnungstür noch etwas Navigationshilfe. „Wenn der Schlüssel jetzt auch noch passt, ist alles in Ordnung“, sagte ich vor der Wohnungstür zu der Dame. „Klar!“, entgegnete sie. „Der passt. Siehsse?“ Kurt konnte mittlerweile ganz passabel alleine stehen. „Wir bringen Sie aber noch bis zum Bett“, forderte ich. „Abba der Kurt geht nich‘ mit in Krankenhaus!“, versicherte sie sich.

Zusammen wackelten wir durch die gut bürgerliche Wohnung ins Schlafzimmer. Dort zogen wir Kurt noch den Pullover mit dem Würfelhusten und die Schuhe aus, schubsten ihn ins Bett und deckten ihn zu. „Und Sie“, wandte ich mich an die Frau, „legen sich gleich daneben. Holen Sie vorher noch zwei Eimer, für jede Bettseite einen. Vielleicht treffen Sie ja, wenn es so weit ist. Spart womöglich eine Menge Putzerei.“ Omi versprach es und wackelte langsam in Richtung Küche. Sie schien mir wieder ganz brauchbar, während ihr Mann schon friedlich auf der Seite liegend eingeschlafen war.

Kopfschüttelnd und amüsiert verließen wir die Wohnung. „Und das in dem Alter…“, brummelte mein Kumpel grinsend.

 

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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2 Antworten zu Rotzevoll

  1. WPR_bei_WBS schreibt:

    Die ham‘ sich vielleicht gedacht: Wir sind Risikogruppe. Also schnell noch mal richtig einen zieh’n, bevor die Dritten ins Corona-gedüngte Grass beissen – und solange der Korn noch über die Theke geht, anstatt als Desinfektionsmittel missbraucht zu werden. 🙂

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