Fundstück beim Magnetfischen: Der türkische Teelöffel

Mofarahmen aus den 50ern

Am Kanal ging es mal wieder rund. Einen richtig ergiebigen Platz hatten wir da gefunden. Wir waren zu dritt dort. Ein Freund, meine Frau und ich übertrafen uns beim Jubilieren: „Ein Fahrrad!“ – „Noch ein Fahrrad!“ – „Ein Bauzaun!“ – „Ich habe einen Mofarahmen!“ … Die großen Funde nahmen kein Ende. Aber viel interessanter finde ich eigentlich die kleinen Funde: Dieses mal nutzte ein Löffelchen die Mitfahrgelegenheit und kuschelte sich an den Magnet, um einige Meter weiter die „Reise ans Sonnenlicht“ in meiner Hand zu beenden – was nicht ungefährlich für das Essutensil war: Das verwendete Blech war so dünn, dass es sich beim Abziehen vom Magnet schon zu verbiegen drohte.

Bräunliche Patina überzog das Stanzerzeugnis, welches ich kurzerhand einpackte und später zu Hause mit einem kurzen Säurebad reinigte. Bei näherem Hinsehen erkannte ich dann eine Prägung auf dem Stilende: Über zwei palmwedelartigen Ornamenten war der Schriftzug „PASLANMAZ FAR“ eingeprägt. So weich, wie das verwendete Metall war, hätte man es aber auch mit einem Kuli und etwas gutem Willen eindrücken können… Der Name eines Cafes? Eine Teesorte? Oder der Hersteller des Löffels? Google wusste schnell zu erzählen, dass die Aufschrift nichts exotisches war, sondern einfach nur Türkisch für „rostfrei“ bedeutete. 😉

Aber wie mag das Utensil in den Verkehrsweg gekommen sein?

a) Teepause

türkischer Löffel in Campingqualität

Seit zwei Stunden schon schrubbte der türkisch- stämmige Bootsmann Hamit die Außenwand am Heck des Schüttgutfrachters mit dem Winkelschleifer ab. Regelmäßig musste der Kahn entrostet und neu gestrichen werden. Hatte man hinten aufgehört, konnte man vorne wieder anfangen. Nun hing Hamit mit ausgestrecktem Arm über der Reling und schliff mit dem Winkelschleifer die Außenhaut des Frachters ab, um sie später neu zu streichen. 115 Meter lang war die Außenfläche unter der Reling vom Bug bis zum Heck, und fast einen Meter hoch. Stahl muss vom Wasser eben gut getrennt werden. Und war man an der Außenseite fertig, gab es noch auf Deck genug Flächen, die geschrubbt und gepinselt werden mussten. „Watt für ’ne Syphilis- Arbeit!“, fluchte Hamit in sich hinein.  „Hätte ich gewusst, dass das alles an mir hängen bleibt, hätte ich nur auf einem kleinen Schlepper angeheuert.“ Aber nun hatte er genug. Die Arme hingen ihm bis in die Kniekehlen. „Kann der Alte sagen, was er will: Ich mache nun Pause. Der sieht mich hier hinter der Brücke sowieso nicht …“

Hamit drückte sich an den Aufbauten vorbei und schlich in die Kombüse, wo er sich einen Tee zubereitete. 50ml Wasser, 4 Beutel Teeblätter und 300 Gramm Zucker, fertig war das Traditionsgetränk. Wie bei Oma. Das kleine Löffelchen kippte darin kaum um. Mit dem aromatischen Heißgetränk in der Hand schlich er sich wieder nach hinten, versteckte sich hinter dem auf dem Heck stehenden Auto und fing an, an seinem Tee zu nippen. Die Beine baumelten über dem aufgewühlten Kielwasser, die Sonne schien ihm ins Gesicht…

Nur, dass sein Werkzeug nun keinen Lärm mehr machte, hatte er nicht bedacht! Da wurde Hamit plötzlich von der Brücke her angebrüllt: „Watt iss‘ datten?? Wozu krisse von mich denn die Kohle?“ Hamit zuckte zusammen und ließ fast sein Tässchen fallen. Mist, erwischt! Der heiße Sud plemperte auf die zugestaubte Latzhose, und der kleine Blechlöffel, den er sich im letzten Urlaub bei der Familie in Avsallar in einem Cafe eingesteckt hatte, verabschiedete sich ins gurgelnde Kanalwasser. Der Kapitän schimpfte weiter: „Für zum Tee trinken? Da krisse doch die Pimpernellen, mit den Heiopei! Pause iss‘ erst um 10, also ran an die Flex!“ Hamit rappelte sich hoch. „Jaja, iss‘ ja gut“, brummte Hamit. „Sklaventreiber…“ Die Flex brüllte wieder los, der Tee wurde kalt.

Und der Löffel war weg.

 

b) Läuterung

Prägung auf dem Stiel

Sören war es leid. Heroin ist scheiße. Und nach Monaten des Hinterherlaufens beim Arzt und endlosen Anträgen bei der Kasse hatte er vor kurzem endlich einen Platz im Methadon- Programm bekommen. Seit einigen Tagen klappte es ganz gut mit der Substitution. Und statt den ganzen Tag um das Organisieren des nächsten Schuss herumzubauen, was nicht nur Zeit, sondern auch all seine Energie kostete, bekam er nun das Medikament verschrieben, was er geregelt nehmen konnte. Wie bei einem Kurztermin beim Arzt, der Rest des Tages gehörte wieder ihm. Das Zeug macht zwar „den Affen weg“, aber ein Rausch bleibt aus. Keine Diebstähle mehr, kein Herumdrücken an den bekannten Dealer- Plätzen, keine Sorgen mehr, wie man den Dealer dann bezahlen soll, nie mehr bedröhnt oder zitternd beim Jobcenter sitzen, um zu hören, dass es keine Arbeit für einen Junkie gäbe, keine Ausgrenzung mehr. Es war die Chance, wieder ins Leben zu finden. Die alten Freunde treffen, die sich irgendwann hilflos von ihm abgewandt hatten. Vielleicht eine Arbeit finden, die man dann auch regelmäßig antreten kann. Und der Mutter wieder in die Augen sehen können.

Dann fiel ihm beim Aufräumen zu Hause der alte Löffel in die Hände. Anfangs hatte der kleine Löffel noch gereicht. Später hat er oft so gezittert, dass einiges bereits beim Aufkochen verschüttet wurde, und das Aufziehen mit der Spritze war sowieso ein Problem. Sören benutzte seither einen Suppenlöffel, um das teure Zeug nicht zu verschütten. Darum lag das kleine Blechdings mit den braunen Brennspuren nun seit Jahren unter dem Nachtschränkchen herum, wo er es heute fand.

„Nie wieder!“, versprach sich Sören, als er auf der Kanalbrücke stand – und warf den kleinen Löffel weit über das Geländer.

Und, welche Geschichte gefällt euch besser?

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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Eine Antwort zu Fundstück beim Magnetfischen: Der türkische Teelöffel

  1. Nobody schreibt:

    Da wäre ich für die Zwei. Aber du hast die Geschichte falsch erzählt.
    Ahmed war traurig. Seine große Liebe war vorbei. Tuzla hat ihn verlassen. Sie hat so einen sonnengebräunten Seemann gefunden. Hamid war sein Name. Der musste ständig auf dem Schiff schwere Sachen machen, deswegen war er auch gut muskulös. Das gefiel ihr besser, als Ahmed.
    Er schaute abwesend auf das Wasser, als ihn ein Typ um Geld anbettelte. Er sah sofort, des den Kerl um Geld für den nächsten Schuss ging.
    Da faste er sich ein Herz und betrachtete den billigen Löffel aus ihrem letzten Urlaub in der Türkei. „Nächste Mal bringen wir ihn zurück.“ hatten sie gescherzt aber es gibt kein gemeinsames nächstes Mal für sie. Also schrie er laut, „Du Miststück“, und warf den Löffel in weiten Bogen in den Kanal.

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