Kommunikationsfehler

Am Wachgebäude wurde die außenliegende Ecke für Ölbindemittel und Gedöhns (Besen, Schaufeln, Pylone…) gesichert: Erst die Säcke und das Material raus, dann auch die rostigen Regale raus. Anschließend kam eine Firma und klöppelte ein Gitter mit einer Tür vor die Ecke. Ein neues Regal hatten die Kollegen der vorherigen Schicht schon zusammengefummelt, es stand in der Fahrzeughalle bereit. Unser Wachführer hatte nun Arbeit für Ralf und mich: „Baut doch bis heute Mittag das alte Zeug auseinander, das neben der Wache steht, damit es nicht so sperrig ist, wenn es zum Schrott gebracht werden soll.“

Nun gut, wir hatten also zu tun: Zwei verwitterte, klapprige Monster- Regale, auf denen wahrscheinlich bei der Auslieferung noch ein Adler hinter dem Typenschild abgebildet war, warteten auf Destruktion. Das eine war mit den üblichen gelochten Winkeln zusammengeschraubt, das andere, etwas stabilere, bestand aus verschweißten Blechprofilen. Ralf öffnete am Löschfahrzeug in der Halle ein Gerätefach und zerrte die Werkzeugkiste heraus. „Watt hasse denn nu vor?“, fragte ich etwas irritiert. „Na, die Maulschlüssel rausholen, um das erste Regal auseinander zu bauen.“ Verrostete Schrauben in unzugänglichen Ecken abschrauben? Das würde ewig dauern, und vielleicht sogar bis zum Schichtwechsel! Für mich war eigentlich klar, dass wir einen anderen Weg gehen würden: Feuerwehr- Style. Also einfach, schnell und effektiv: „Schlüssel? Watt meinste, wie vergrießgnaddelt die Schrauben sind?“, winkte ich ab. „Ich bin 49, und will im Rest meines Daseins noch etwas anderes erleben. Hab‘ keine Zeit für so Beschäftigungstherapien. Nee, lass mal: Da nehme ich die Flex vom HLF und schneide den Trümmer mal eben klein. Und datt geschweißte Regal kannze doch mit der Rettungsschere zerschneiden. Machste noch ’ne ‚Kurzübung‘ von, dann krisse noch ’n Fleißstempel im Wachbuch. Diese Woche gibbet glaube ich den mit dem Elefanten.“ Er grinste, die Idee gefiel ihm. Also fuhr er das HLF aus der Halle, startete den Generator und nahm die Rettungsschere in Betrieb. Ich stellte Ralf die geschweißten Regalrahmen neben das Dienstfahrzeug, angelte den Winkelschleifer aus dem Geräteraum und begab mich zum zweiten Regal, um Kleineisen daraus zu machen. Wir verlustigten uns engagiert eine Weile an den Presswerkerzeugnissen, bis sie etwas handlichere Maße hatten. Bei Ralf verabschiedeten sich knarzend nach und nach die Regalstreben, um ihrem Schöpfer Krupp gegenüber zu treten, und bei mir stoben die Funken unter der Flex hinweg in den Himmel, bis alles auseinanderfiel. Der Drops war in wenigen Minuten gelutscht und unser Arbeitsergebnis fein säuberlich neben der Wache zur Abholung aufgestapelt. Wir begaben uns zufrieden mit uns selbst wieder in die Diensträumlichkeiten. „So, Chef: Auftrag erledigt“, verkündete ich. „Jo“, entgegnete er. „Dann kommt später das neue Regal aus der Fahrzeughalle in die vergitterte Ecke an die rechte Wand.“ Ich wusste aber, dass der Raum im Regal nicht für alles reichen würde, was dort hinein sollte. „Und vor Kopf?“, fragte ich. „Dort, wo vorher das grobe Bindemittel lag? Wird da noch ein weiteres Regal geliefert?“ Chef schüttelte den Kopf: „Nö. Da soll das stabilere von den alten Regalen wieder hin.“ Meine Augenbrauen sanken an der Außenkante spontan ab: „Äh… Chefchen … das wird wohl nix. Das Ding benutzt keiner mehr, das haben wir auch zerlegt.“ Ralf trat einen Schritt zurück. War schließlich meine Idee.  „Nun, dann mal fix runter, und dann wird es eben wieder zusammengeschraubt“, äußerte er so emotionslos wie der Locher, der seit etwa 1973 auf dem Schreibtisch stand, seine Vorstellung. Das ließ eine gewisse Naivität durchblicken, was ein „Zerlegen durch Feuerwehrangehörige“ angeht. Und das nach all‘ den Dienstjahren! Ich klärte ihn auf: „Nö, geht nicht. Dann bräuchten wir mindestens ein Schweißgerät. Die Sache ist leider durch.“ Ungläubig schaute er mich an, interessiert musterte Ralf mit Blockflötengesicht die Deckenlampe.

Klarer Kommunikationsfehler: Er hätte halt darauf hinweisen müssen, dass eines der Regale erhalten bleiben soll, bevor er zwei so gründlich arbeitenden Kollegen einen Zerstörungsauftrag erteilt. Jetzt wird es wohl tatsächlich in einigen Wochen ein neues Regal geben.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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11 Antworten zu Kommunikationsfehler

  1. gnaddrig schreibt:

    Schön. War ja – im Rückblick – absehbar, dass da was schiefgehen würde. Was mich jetzt aber interessiert: Gab es einen Grund, das eine Regal kleinzuflexen und das andere mit der Schere zu zerkleinern?

    • firefox05c schreibt:

      2 Regale, 2 Mann, 1 Flex und 1 Schere. Wenn man – wie bei Löschers üblich – schnell und irreversibel arbeiten will, bevor es sich jemand anders überlegen kann, ist paralleles Wüten obligatorisch.
      Das erste Regal war die übliche Baumarkt- Qualität aus verzinktem Trompetenblech. Da fällt die Trennscheibe praktisch durch. Das zweite Regal war aus dickeren, geschweißten Stahlblechen, also von den beiden Regalen der bessere Kandidat für die Rettungsschere. 😉

  2. Volker Ehrhardt schreibt:

    Gab es denn nun ein Fleisssternchen? 😉

  3. Thomas U. schreibt:

    Im ersten Moment des Lesens befürchtete ich, dass am Ende auch das neue Regal zerkleinert worden wäre, aber ganz so schlimm ist es dann ja doch nicht 😀 Tja, hätte er mal bessere Anweisungen gegeben… aber so sieht die Ecke dann wenigstens ordentlich aus mit zwei neuen Regalen.

  4. freezweb schreibt:

    Das wäre bei uns GENAU so auch abgelaufen!

  5. BRC_MEDIC schreibt:

    Ich habe es schon immer geahnt, aber das Bestätigt meine Vermutung: Die Fähigkeit zur komplexen Kommunikation ist reziprok zum Dienstrang/Position.
    Ich dachte Glaskugellesen ist bei der FW schon angekommen?

  6. Tirsi schreibt:

    Hach wie genial, ich hab sooo Tränen gelacht 😂😂
    Vielen lieben Dank für das versüßen des Abends und viel Spaß mit dem neuen Regal in paar Wochen dann ☺️👍🏻

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