Häusliche Gewalt

Eigentlich war ich gar nicht auf dem Versehrtentaxi eingeteilt. Wir hatten auf der Wache aber zur Zeit einen Praktikanten, und der aktuelle „Chef vonnet Auto“ wollte auf der Wache in Ruhe Unterricht mit ihm machen. Also vertrat ich ihn so lange auf der RedBox. Allerdings nahm ich mir als der ältere Kollege das Recht heraus, den Bomber fahren zu dürfen, und komplimentierte Stefan, der mit mir ausrücken sollte, auf den Beifahrersitz. „Bestimmen“ ist eben weniger luxuriös als „einfach hinterherlaufen“.

Prompt klingelten ein paar Minuten später die Pager: „Schulstraße 14, Hilferufe aus 2. OG. Pol kommt auch“, war die Meldung. „Da ist bestimmt Oma aus dem Bett gefallen“, mutmaßte ich. „Oder Opa sieht aufgrund seiner Medikation fremde Leute in der Bude“, entgegnete Stefan. Ich klemmte mich also hinter das Steuer, schaltete unsere Leuchtreklame an und wir warfen uns ins Verkehrsgetümmel.

In der genannten Straße angekommen, begrenzten wenig ansprechende, grau und gelb gestrichene Mehrfamilienhäuser in geschlossener Front die Aussicht. Naja, „gelb“ ist dabei ein sehr weiter Begriff, denn einen lebensbejahenden Farbton zeigten die Fassaden nicht unbedingt.

Unser Problem war jedoch, dass die Straßenseite mit den geraden Hausnummern nur bis Nr.12 ging. Dann schloss sich eine Kleingartenanlage an. Und dort gab es dann kein „2.OG“ mehr. Offensichtlich gab es Defizite bei der Adressübermittlung. „Schau mal, da hinten. Da fährt die Polizei vorbei!“, sagte Stefan plötzlich, als er bemerkte, dass an der nächsten Kreuzung ein Kombi in den typischen Vereinsfarben der Ordnungshüter mit Blaulicht unsere Straße passierte. „Okay, dann lass uns mal hinterherfahren. Vielleicht stimmt unsere Adresse ja nicht“, schlug ich vor. Wir bestiegen also wieder in den Diensttransporter. Als wir an der besagten nächsten Kreuzung abbogen, standen wir auch schon direkt hinter zwei etwas hektisch abgeparkten Streifenwagen – zwar nicht in der angegebenen Schulstraße, aber vor einer „Nr.14“ im direkten Kreuzungsbereich. „Ich vermute mal, dass wir hier richtig sind“, meinte ich. Stefan grinste: „Ist mir auch recht. Man muss ja flexibel bleiben.“ Nach dem Verlassen des Blechgehäuses hörten wir schon die typischen Geräusche aus dem Haus, die uns verrieten, dass wohl Gewalt gegen eine Tür ausgeübt wurde. Mit unserem Equipment enterten wir das Treppenhaus, und bereits auf dem zweiten Treppenabsatz füllte sich die Szene: Dort stand, mit staatlichem Modeschmuck versehen, ein etwa 30jähriger Mann mit dem Gesicht zur Wand, umringt von drei Polizisten. Man diskutierte über verschlossene Türen, verschwundene Schlüssel und Familienverhältnisse. Offensichtlich war der Delinquent aber nicht besonders kooperativ, so dass man, wenn man sensibel genug war, bei den hitzigen Wortgefechten eine gewisse negative Schwingung wahrnehmen konnte. Eine Treppe weiter oben waren zwei weitere Beamte damit beschäftigt, sich an einer abgeschlossenen Wohnungstür abzuarbeiten, wobei sie nicht nur ihr eigenes Körpergewicht über ihre Dienststiefel in das Türblatt leiteten, sondern zwischendurch auch mit einem etwa 60cm langen Brecheisen werkelten, das wohl einer der Staatsgewaltigen beim letzten Einbrecher abstauben konnte. Oder so. Allerdings war die Brechstange wohl kein Markenprodukt, denn die Spitze vom „Kuhfuß“ war bereits von früheren Kraftübungen verbogen. Die Tür und der Rahmen, an denen diese Aktivitäten bereits zahlreiche Spuren hinterlassen hatten, waren wohl doch etwas stabiler gebaut und leisteten im Gegensatz zum festgenommenen Bewohner ziemlichen Widerstand. Abwechselnd versuchten die Flics, das Schloss mit Tritten und mit Hebelwirkung zum aufgeben zu bewegen, während hinter der Tür in der Wohnung eine Frau jammerte und schrie, so dass ernsthafte Verletzungen nicht abwegig erschienen. Der vermeintliche Delinquent mit der Acht auf dem Rücken beteuerte immer noch, dass er nicht wisse, wo sich der Wohnnungsschlüssel nun befände. Aufgrund der Situation schlossen Stefan und ich nun auch ohne große Nachfragen auf „häusliche Gewalt“ als Grund des Einsatzes und bereiteten uns mental darauf vor, gleich eine vermöbelte Frau zu treffen, die von einer verletzten Seele bis hin zum Brotmesser im Bauch alles haben konnte. Falls letzteres zuträfe, sollte die Tür also möglichst schnell geöffnet werden.

Einige Sekunden beobachteten wir die Gewaltausbrüche der Kollegen, die aber nicht zum Erfolg führten. Wieder und wieder trat der Obermeister auf die Tür ein, wobei seine Kollegin ihn stützte, und zwischendurch versuchte er, mit dem kleinen Brecheisen weiter zu kommen. „Ich glaube, ich hole dann mal das Randaliereisen hoch. Das bietet doch mehr Möglichkeiten“, schlug ich Stefan vor und lief, ohne eine Antwort abzuwarten, die Treppen wieder zügig hinunter. Heute ist also Premiere, dachte ich mir, als ich das noch nagelneue, glänzende Halligan- Tool, ein aus Amerika übernommenes, massives Eisen, aus dem Seitenfach des Rettungswagen nahm, in dem es seit Jahren ein Schattendasein führte. Es handelt sich hierbei um ein spezielles Brechwerkzeug, das äußerst stabil ist und, richtig eingesetzt, enorme Kräfte übertragen kann. Ich hatte es noch nie als „RTW- Besatzung“ eingesetzt: Für Gewöhnlich hat man bei verschlossenen Türen auch gleich den „rollenden Werkzeugkasten“, also ein Löschfahrzeug, im Schlepp.

„Wenn der Hooligan mit dem Halligan …“

Mit diesem fast 5kg wiegenden „Generalschlüssel XL“ in der Faust lief ich also wieder ins Haus und schob mich an den immer noch im Schweiße ihrer Gesichter gegen die Tür tretenden Polizisten vorbei. Mittlerweile war sogar der Wohnungsschlüssel bei dem Bewohner wieder aufgetaucht, nachdem eine Polizistin den Kaffee auf hatte und selbst in den Taschen des Frauenvermöblers nachforschte. Dieser steckte nun zwar im Schließzylinder, letzterer klemmte aber ob der vorangegangenen Gewalt im Schloss, so dass nun auch der Schlüssel nichts mehr brachte. Risse umrahmten den Beschlag, und die Stiefel hatten reichlich schwarze Abdrücke auf dem Türblatt hinterlassen. Ich machte mich mit Stefan as Werk.

Mit dem richtigen Werkzeug war die Situation dann schnell geklärt: Zwei mal das Eisen nachgesetzt, und mit ächzen und krachen gab das Schloss nach. Zwar blieb das Türblatt standhaft, aber das Blech der Metallzarge riß unter den enormen Hebelkräften auf (mal kurz gerechnet: wenn ich auf den langen Stiel meine 80kg Körpergewicht werfe, drücken an der 5cm breiten Klinge am anderen Werkzeugende mal eben fast 1,3 Tonnen gegen das Zargenblech). Ich ließ zunächst die Polizei in die Wohnung und verschob meine Siegesfeier auf später.

Nachdem klar war, dass keine Gefahr bestand, betraten nun auch Stefan und ich die Räume. Im hellen, aufgeräumten Flur lagen die Splitter einer Zimmertür, die noch vor kurzem das Schlafzimmer vom Flur trennte. Die Tür war völlig zertrümmert. Im Schlafzimmer, in dem scheinbar ein Kampf stattgefunden hatte, stand eine 25jährige, kleine Frau, die völlig aufgelöst jammerte und schrie. Eine Polizistin stand vor ihr und redete auf sie beruhigend ein: Jetzt sei es ja vorbei, alles würde gut (nun ja… Gewagte These…). Im Raum lagen auf dem Boden Dekogegenstände und eine Nachttischlampe, ein Stuhl war umgeworfen. Mein Blick ging zur Bewohnerin. Größere Verletzungen hatte die Geschundene auf dem ersten Blick glücklicherweise nicht.

Zunächst versuchte eine Polizistin, sie etwas zu beruhigen, um sie dann an uns zu übergeben. Die Patientin schluchzte und warf englische und deutsche Sprachbrocken in den Raum, die genauso durcheinander schienen, wie die Einrichtung. Um etwas Ordnung in ihren Kopf zu bringen, baten wir sie zunächst ins Wohnzimmer. Polster in frischen Farben, ein Esstisch in Nussbaum mit passenden Stühlen, auf dem Tisch lagen einige Bücher für einen Deutschkurs. Alles sehr aufgeräumt und hübsch. Mittendrin die aufgelöste Frau, die sich aufs Sofa setzte und uns nun auf Befragen davon erzählte, wie ihr Mann sie geschlagen und gewürgt hatte. Weinend zeigte sie uns einige ältere und frische Blutergüsse an Armen und Beinen, das Gesicht war auf einer Seite etwas geschwollen, am Hals zeigten sich rötliche Würgemale.

Sie war wohl erst vor drei Wochen von dem Typen aus dem Iran nachgeholt worden, und kaum waren sie in Deutschland, wurde er „komisch“: Er zerstörte ihr erstes Handy und nahm ihr ihr zweites Handy ab, um Kontrolle über sie ausüben zu können. Als er heute auf sie losging, flüchtete sie offensichtlich ins Schlafzimmer, dessen Tür er kurzerhand eintrat, um sie weiter zu quälen. Nachdem der Mann seine Frau „durchgelassen“ hatte, verließ er die Wohnung und schloss sie ein. Weil er ihr Handy mitnahm, konnte sie niemanden anrufen, als sie Hilfe brauchte. In einem Mix aus schlechtem Englisch und frakturierten Deutsch berichtete sie, dass sie aus dem Fenster heraus Passanten um Hilfe gebeten hatte, diese sie aber entweder nicht verstanden oder sich heraushalten wollten. Niemand half ihr.

Als dann doch die Polizei gerufen wurde, fanden die eintreffenden Kollegen den Ehemann im Hausflur, der sich keiner Schuld bewusst war. Auch jetzt hörte ich aus dem Treppenhaus, wie er unter anderem befragt wurde, warum er die Frau eingeschlossen hatte. Völlig verständnislos antwortete er: „Warum nicht? Ich muss das doch. Stellen Sie sich vor, wenn die einfach rausläuft! Und dann? Das geht doch nicht!“ Den Hinweis des Beamten, dass seine Frau doch kein Haustier sei und als Mensch durchaus in der Lage sein sollte, sich auch mal draußen zurechtzufinden, fand er wahrscheinlich eher abstrus.

Abgesehen von ihrem schnellen Puls, was der Aufregung geschuldet sein mochte, waren unsere Untersuchungsergebnisse normal. Die Frau beruhigte sich etwas. Unter Zuhilfenahme von Google konnten wir uns nun austauschen. Ihre Muttersprache war Persisch, und dementsprechend waren auch die angezeigten ortstypischen Ergebnisse des Übersetzers: Die Schriftzeichen ließen für uns keinen Schluss zu, ob das, was dort stand, zumindest ungefähr das beschrieb, was wir eingetippt hatten. Konnte man Google trauen? Las die Patientin auf der Streicheltafel wirklich die Frage nach ihrer Krankenversicherung, oder wunderte sie sich über „Der erkältete Anwalt zeigt auf die Landkarte“? Die Reaktionen beruhigten mich aber, denn offensichtlich klappte es mit den Übersetzungen. Zur Aufnahme der Personalien bekam ich den Reisepass der Patientin. Dieser hatte nicht nur ziemlich viele Seiten, sondern zeigte zudem auf jedem Blatt ein anderes Grabmal, und am Seitenrand stand zu lesen, um welches es sich handelte. „Guck mal, Stefan“, raunte ich meinem Spannmann zu. „Da kann man sich schon fast den Reiseführer sparen!“

Eine Polizistin versuchte zu telefonieren: „Wir haben da doch den Kollegen, der auch aus dem Iran kommt! Der kann bestimmt Persisch und für uns übersetzen.“ Doch besagter Kollege war gerade in einem Einsatz gebunden und daher zunächst nicht zu sprechen.

Unsere Patientin klagte immer noch über Halsschmerzen. Die Polizistin im Raum bat uns: „Auch, wenn sie nicht ernsthaft verletzt ist, wäre es gut, wenn ihr sie mal mitnehmt. Dann kann man im Krankenhaus den Zustand dokumentieren. Ich würde später nachkommen.“ Damit war auch die Patientin einverstanden. Der sichergestellte Mann sollte zunächst zur Polizeiwache mitgenommen werden, um die Sachverhalte zu Raub, Körperverletzung und Freiheitsberaubung aufzunehmen, und dann ein 10-tägiges „Rückkehrverbot“ ausgesprochen bekommen (an das er sich wahrscheinlich nicht halten wird. Man kennt das…)

Die junge Frau war verzweifelt: Der Großteil der Familie noch im Iran, ein Bruder in Spanien, eine weitere Schwester in Kanada. Niemand konnte sie hier unterstützen oder aufnehmen, wenn sie wieder aus dem Krankenhaus kommen würde. Die Frauenhäuser sind voll, da ist es schwierig, einen Platz für zumindest einige Tage zu ergattern. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als in die gemeinsame Wohnung ihres Ehemannes zurückzukehren.

Auf dem Weg zum Krankenhaus machte ich mir Gedanken über die Situation der Gepeinigten: Fern der Heimat, keine Verwandten, keine Freunde, keine Arbeit, kein Geld für einen Rückflug, keine Bleibe, ihrem Mann ausgeliefert. Sie war am Arsch …

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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3 Antworten zu Häusliche Gewalt

  1. Sst89 schreibt:

    Es gibt für Sprachbarrieren die App aidminutes.rescue Diese App ist speziell für den Rettungsdienst und Impfzentren entwickelt worden und übersetzt in Wort und Schrift rettungsdienstliche Sachen (Anamnese, Untersuchungen, Dokumente, Covid, etc.) in fast jede Sprache der Welt. Das habe ich auf meinem Handy und bin völlig zufrieden mit dieser App.

    Schade, dass die Polizei nicht mehr gegen häusliche Gewalt tun kann und Schade, dass Frauen oft so gepeinigt werden, dass sie sich noch nicht mal trauen Hilfe zu holen. Hoffentlich kommt sie da wieder raus und wird nicht zum Stammkunden

  2. HaJo schreibt:

    „Ich vermute mal, dass wir hier richtig sind“ kann auch nach hinten losgehen. Manchmal liegen Einsatzorte dicht beieinander, sind aber nicht identisch.

    Wobei ich ungenaue Ortsangaben auch noch aus Zeiten kenne, in denen auf der Leitstelle handschriftlich gearbeitet wurde und der „Telefonist“ die Depesche an den „Funker“ weitergeleitet hat. Wir haben wie blöde eine Baulücke nach der Hausnummer 56 abgesucht, bis sich auf nochmalige Rückfrage ergab, dass der „Telefonist“ 5b geschrieben hatte.

    Einsätze bei Häuslicher Gewalt sind mir noch lange im Gedächtnis geblieben. Es ist so frustrierend nicht wirklich helfen zu können. An der Dicke der Akte und Röntgentüte im Krankenhaus die Länge der bisherigen Leidenszeit abzuschätzen. Und es geht weiter bis zum nächsten Einsatz, in dem du neue von alten Verletzungen differenzieren darfst.

    • firefox05c schreibt:

      Ich habe es auch schon erlebt, dass zwei Häuser weiter eine andere Einsatzstelle war. Im Altenheim sogar im gleichen Gebäude. In diesem Fall gab es die angegebene Hausnummer aber gar nicht, von daher war klar, dass da irgendwo der Wurm drin war. 😉

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