Grenzerfahrung

Da ging ’ne Menge rein!

Bisher fuhr ich einen uralten Fabia (15 Jahre) mit wenig Ausstattung, dafür aber vielen Kilometern. Mehr als 230 Tausend zeigte der Tacho des Klein- Kombis, und 150000 waren von mir. Aber ich habe das Auto „lieb gehabt“: Robust, sparsam im Verbrauch, und wenn kein Schnickschnack dran ist, kann auch keiner kaputt gehen. Klein, wendig, dennoch genug Platzangebot. Von der Breite her passte sogar eine Euro-Palette in den Kofferraum, und sie ragte nur wenig hinten raus! Doch jetzt bekam der Hobel seine Alterszipperlein: Ölverbrauch, zwei Roststellen, das Radlager brummelte …

Nun ist kürzlich mein Vater verstorben, und ich durfte sein Auto, einen 7 Jahre alten Ford C-Max, übernehmen. Dieses sah nicht nur aus wie neu, sondern war zudem etwas üppiger ausgestattet: Neben Bremspedal, Fußmatten und beleuchtetem Schminkspiegel, um nur einige der fantastischen Features zu nennen, war auch ein automatischer Parkassistent verbaut, der parallel zur Fahrbahn einparken konnte. Knopf drücken, Lenkrad loslassen und auf Zuruf vorwärts und rückwärts fahren, bis der Computer ins Display schreibt, dass man in der Parklücke drin ist. Das Lenken besorgt Max dabei selbst. Sehr bequem, aber ich fürchte, dass sich durch so etwas zukünftig noch mehr Menschen beim einparken einen abbrechen werden.

Knöpfe über Knöpfe …

Nichtsdesto trotz wollte ich meiner allerliebsten Frau auf dem Planeten (also, zumindest auf diesem, denn Prinzessin Leia vom Alderaan war auch nicht schlecht …) auch diese Sonderausstattung demonstrieren. Als sie dieses Raumschiff mit sage und schreibe 89 Knöpfen und Hebeln im Bereich des Chauffeurs (teils mit Mehrfachbelegung, und mit Handbrems- Löseknopf sogar 90!) zum ersten mal probefliegen wollte, schlug ich vor: „Wenn wir den Parkassistenten ausprobieren, fahren wir am besten ins Gewerbegebiet! Da haben wir Ruhe, ohne dass jemand hinter uns steht und warten muss.“ Wir suchten also ein baurechtlich entsprechend ausgewiesenes Areal auf und fuhren eine Parklücke an, die von zwei Sattelschleppern mit Seecontainern gebildet wurde: Der erste gegen, der zweite mit der Fahrtrichtung geparkt, standen sie mit etwas Abstand Heck an Heck.

Frau hielt an. „So“, sagte sie, unternehmungslustig auf dem einem Sternenhimmel gleichenden Armaturenträger umherschauend. „Wie löppt datt Park- Moppet nu?“ – „Also, da ist der Knopf, mit dem du das Programm startest“, erklärte ich. „Dann siehst du hier das Bild der Rückfahrkamera.“ Sie drückte den Knopf, fuhr noch etwas vor und „Pling!“, erschien quer über dem Kamerabild der Hinweis: „Steuer loslassen! Rückwärtsgang einlegen! Langsam losfahren!“ Sie tat, wie von der Elektronik geheißen: Unsicher nahm sie die Hände von der Lenkung und kuppelte vorsichtig ein. Das Auto rollte langsam los. Wie von Geisterhand drehte sich das Lenkrad in die richtige Richtung. Meine Frau war sichtlich entzückt. Auf dem Kamerabild war der heckseitige Bereich zu sehen, der Unterfahrschutz des hinteren LKW rückte näher, und der Abstandsanzeiger fing gelangweilt an, durch Piepsen in der ersten Eskalationsstufe ein Hindernis anzukündigen. „Unnu? Wie weit?“ Das Lenkrad drehte sich nun anders herum, während wir weiter rollten. „Weiter“, sagte ich sicher. „Weiter, bis der Computer dir sagt, dass du wieder vorwärts fahren sollst.“ Also rollten wir weiter. Das Piepsen erreichte Stufe 2 von 3 Warnschwellen, und in der Kamera sah man, dass der Unterfahrschutz des hinter uns parkenden LKW noch etwa einen dreiviertel Meter entfernt war. Die Dame war völlig fasziniert und starrte mit erhobenen Händen vor dem Lenkrad und glänzenden Augen gebannt auf den Monitor.

„Bums!“ machte es plötzlich, und das Auto blieb mit einem Ruck stehen! „Watt war ’n datt?!“, rief Mausi entgeistert und schaute mich erschrocken an. „Öhm… weiß nicht…“, sagte ich, und kontrollierte noch einmal das Bild der Heckkamera: Doch, es war noch reichlich Platz zu sehen! „Setz‘ mal ein Stück vor, und dann schaue ich kurz“, sagte ich. Wir stiegen aus, und als ich nach hinten ging, fiel es mir wie Schuppen von den Haaren: Die Sensoren des Autos hatten zwar den Unterfahrschutz des LKW erfasst – aber nicht den in etwa 1,5m Höhe schwebenden und über dessen Heck hinausragenden Seecontainer! Die Unterkante des Containers war für die Ford- Elektronik quasi im Stealth- Modus, für unsere Heckklappe aber harte Realität. Eine fast handtellergroße Delle zierte nun die Fläche zwischen Firmenpflaume und Heckscheibe! Besonders ärgerlich, weil ich das Auto ja mit der Erwartung übernommen hatte, den so-gut-wie-neuen Zustand zu erhalten! Nun hatte mein Schatzi die erste Delle reingefahren. Nur eine Woche, nachdem der Max in meiner Obhut war. Klasse.

Sie war ebenfalls ausgestiegen, schaute den Blechschaden, und als ihr die letzten beiden Sätze, die oben stehen, ebenfalls bewusst wurden, brach sie in Tränen aus. „Scheiße, mann! Das darf doch nicht wahr sein!“, weinte sie. Ich grätschte sofort dazwischen: „Hey, du hast keine Schuld! Sowohl ich als auch die Elektronik haben dir gesagt, dass du weiter fahren sollst!“ Nach ein paar weiteren Versicherungen versiegten die Tränen, die Verzweiflung wiech der Wut: „Scheiß Parkassistent! Wenn der nicht funktioniert, darf man das Gedöhns nicht verbauen!“, fluchte sie. Ich musste ihr einiges über Erfassungswinkel und Ladehöhen erklären, bevor sie sich wieder beruhigte. Wir hatten das System mit der Wahl unserer Parklücke einfach gecheatet! Und konnten zudem froh sein, dass die Container- Unterkante nicht 10cm höher war, denn dann hätte es die Heckscheibe erwischt.

In den folgenden Tagen, in denen ich noch zu Besuch bei meiner Mutter war, war ich darauf bedacht, das Auto so zu parken, dass sie nicht unbedingt das Heck sehen konnte. Das klappte auch ganz gut. Ich hatte nebenbei schon in aller Stille einen Werkstatttermin gemacht, beim nächsten Besuch sollte die Delle also wieder verschwunden sein. Als ich dann jedoch das Auto für die Rückreise gepackt hatte und mich gerade von meiner Mutter verabschiedete, schaute mein Schwager über den Gartenzaun und rief: „Hey, fährst du schon wieder nach Hause? – Ach, übrigens: Hast du da eine Delle im Kofferraumdeckel?“ Ich hätte ihm jeden Fingernagel einzeln ziehen können!

Ich habe mich dann so herausgeredet, dass am Ende nicht klar war, ob die Delle schon vor der Übernahme drin war oder nicht. Außerdem ist das ja nur eine Lappalie. Und bei den Lichtverhältnissen kaum zu sehen. Und überhaupt. Tschüß, Mutter.

Ein paar Tage später konnte ich das entdellte Fahrzeug wieder aus der Schmiede holen. Der Schaden war weg, aber dafür Poliersuppe in der Kofferraumfalz, Staub im Auto und ein schwarzer Latexhandschuh hinter dem Scheibenwischer. Nun, in Sachen „Sauberkeit“ war der Reparaturschuppen wohl nicht der akkurateste.

Diese „Grenz- Erfahrung“, die uns die Grenzen der Elektronik aufzeigte, hat uns jedenfalls 400€ gekostet. Und nun wissen wir, warum der Lehrmeister in der Gebrauchsanweisung auf jeder Seite mindestens 1 mal mahnt: „Verantwortlich du bist! Selbst gucken du musst!“

Frauchen fährt das Auto trotzdem gerne. Vor allem wegen des Muschi-Stövchens: Wenn sie „etwas Rücken hat“, tut ihr die Wärme gut.

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Grenzerfahrung

  1. itayiriki schreibt:

    Teures Lehrgeld, aber freut mich, dass ihr es mit Fassung tragen könnt. Da hattet ihr aber auch echt Pech … . Sowas in der Art befürchte ich bei mir auch, weshalb ich die Autoparkfunktion bisher noch nicht ausprobiert habe. … Aber ansonsten ist der Technikschnickschnack schon geil.

  2. BRC_Medic schreibt:

    Ja, so ein neues Auto ist schon herrlich. Nachdem ich meinen 2003er Polo mit 270KM (Kilo-Meilen) gegen meinen Octavia tauschte, tat sich eine ganz neue Welt auf. Was ich besonders mag, er ist nicht so mit elektronischem Firlefanz (hehehe, keine 100 Knöpkes) überladen. Einparkpiepser und Cruise-Control sind aber schon unschlagbar. Das will ich nicht mehr missen. Und elektrische Fensterheber!
    Hoffe Du noch lange Freude dran 🙂

  3. Norwald schreibt:

    Schon ärgerlich jetzt kennen wir aber die Vorgeschichte vom vorgeschlagenen Artikel, Trümmer auf vier Rädern. Übrigens deswegen sollte man sich vor dem Rückwärtsfahren durch klassisches Schauen davon überzeugen, dass die Rückfahrtkammera ausreichend ist.

    • firefox05c schreibt:

      Mit dem (zufällig) vorgeschlagenen Artikel hat diese Geschichte zum Glück nichts zu tun. Denn das dort beschriebene Fahrzeug hatte gleich mehrere Dellen und Beulen zur Auswahl. 😉

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