Rückzieher

Auf einem Feuerwehrfest traf ich einen Freund, der kürzlich einen Unfall hatte: Eine unbedachte Kletterpartie über einen Gartenzaun hatte ihm eine tiefe Schnittwunde in der Hand eingebracht. Er war ein Kerl von bestimmt 100 Kilo, mit einem Kreuz wie ein Kleinwagen. „Und? Wie iss‘ mit der Hand?“, begrüßte ich ihn. „Och, eigentlich ist schon alles wieder gut. Waren acht Stiche. Ganz schön groß, die Wunde. Das hatte geblutet wie Sau!  Eigentlich wollte ich ja gar nicht ins Krankenhaus, aber die Kumpel auf der Feier haben gleich den RTW gerufen. Dann haben sie mich in der Notaufnahme geflickt. Acht Stiche, echt! War eigentlich aber gar nicht so schlimm“, strunzte er herum und ließ seinen Blick cool über den Festplatz schweifen. „Ich weiß gar nicht, ob die Betäubung überhaupt nötig war. Gestern sollten die Fäden gezogen werden, aber ich habe den Termin verbummelt“, holte er weiter aus. „Ich werde Montag mal beim Doc anrufen, ob ich dann vorbei kommen kann.“ – „Ach, Mumpitz“, flachste ich. „Brauchst du nicht. Das können wir auch gleich hier machen. Dann bist du die Fäden los.“ Er grinste: „Klar. Du machst das selbst. Da bin ich aber gespannt!“ Und der Scherz wurde zur Absicht: Warum eigentlich nicht? „Das meine ich ernst“, drohte ich dem Kollegen. „Meine Frau hat sich erst vorgestern selbst einen Faden gezogen, den der Arzt wohl übersehen hatte. Ist nicht viel dabei. Hauptsache, das Arbeitsfeld und später die Löchsken sind sauber.“ Der Geschnittene war amüsiert. Noch. „Klar. Machen wir. Mit der Küchenschere?“ Ich strich mir übers Kinn. „Natürlich nicht! Eine Nagelschere wäre besser. Klein und spitz. Und zum Greifen brauche ich eine Pinzette, die habe ich aber im Verbandkasten. Nur die Schere… Hmmm…“ In dem Moment kam eine Rettungsassistentin über den Festplatz, die einen ausgestellten RTW betreute. Ich rief ihr zu: „Hallo! Hömma, habt ihr auf der Karre eine kleine, scharfe Schere? Im Kinderkoffer vielleicht? Wir müssten eben ein paar Fäden ziehen.“ Sie war natürlich etwas verwundert: „Wie jetzt? Bei wem?“ Kollege Schlitzhand amüsierte sich: „Bei mir an der Hand. Wurde mit 8 Stichen genäht, die Fäden sollten eigentlich gestern schon raus.“ Und ich ergänzte: „Eine Pinzette haben wir schon. Nur keine passende Schere.“ Sie überlegte kurz: „Jaaa… da wäre vielleicht das Skalpell aus dem chirurgischen Besteck ganz gut, das Set ist gerade offen und müsste darum sowieso neu sterilisiert werden. Ist ja an sich kein Problem, ich habe bei meinem Bruder und bei einem Kollegen schon mal Fäden gezogen.“ Wir gingen zu dritt in Richtung des Pflasterlasters und unterhielten uns über die praktische Umsetzung. „Da nehme ich das neue Desinfektionsmittel, das brennt nicht so penetrant. Wir machen die RTW- Tür kurz hinter uns zu, dann haben wir Ruhe.“ Noch kam der Verwundete mit, wenn auch schon etwas zögerlich. 2014-07-27 23.35.32Ich gab zu bedenken: „Eine Schere wäre mir eigentlich lieber. Wenn du mit dem Skalpell abrutscht, kann womöglich gleich die nächste Wunde genäht werden.“ Sie stimmte mir zu: „Na, dann doch lieber die Abnabelungs- Schere aus dem Kinderkoffer.“ Nun dämmerte dem Kollegen, dass es womöglich doch kein Spaß von uns war. Wir meinten es ernst. Er hingegen nicht … „Äh, echt jetzt? Ihr wollt nicht wirklich an die Hand?“ – „Doch“, entgegnete ich. Der Geschnittene hatte wohl vergessen, dass Feuerwehrleuten alles zuzutrauen ist und dachte an die übliche Strunzerei unter Halbstarken. „Davon reden wir doch die ganze Zeit!“, beteuerte ich, und die Assistentin warf ein: „Ist in ein paar Minuten erledigt. Sauber machen, Pflaster drauf, und du bist den dicken Verband los!“ Jetzt kniff der Genähte vollends: „Nö, lasst mal. Ich lasse das lieber beim Arzt machen.“ Wir hakten verwirrt nach: „Wie? Eben hattest du doch zugestimmt?“ – „Ja, nee, ich meine… – Ich bin da etwas empfindlich. Beim Nähen war das schon so… wisst ihr… Ich dachte, ihr macht nur Blödsinn …“ stammelte er und tat verlegen von einem Bein aufs andere. Ich bettelte: „Wieso nicht? Knoten aufschneiden, dann kribbelt es bloß kurz beim Ziehen, und die Dinger sind draußen!“ Die Hand wanderte hinter den Körper wie bei einem Schuljungen: „Ach, ich kann doch warten.“ Nun waren die Rettungsmutti und ich etwas enttäuscht: „Jetzt komm schon! Ist doch schnell gemacht!“ Aber der Bär wurde zum Mäuschen: „Nein. Ich lasse das lieber beim Arzt machen. Montag. Das reicht schon, muss gar nicht heute gemacht werden. Nee, lasst mal.“ Die Kollegin und ich schauten uns belustigt an, und mir entfuhr es: „Nen Kerl wie ein Baum: So lang und so grün…“ Sie kicherte: „Dabei hat er sonst so eine große Klappe!“ Dem Überführten war die Sache jetzt sichtlich peinlich. Sie ging lachend wieder ihres Weges. Ich amüsierte mich noch ein wenig und zog den Kumpel mit der Sache auf. Nach ein paar Minuten war das Thema wieder vergessen. (Also, für ihn…  😉 )

Die Lautesten sind eben nicht immer die Mutigsten. 🙂

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Privat abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Rückzieher

  1. shutterfireblog schreibt:

    Haha, wie geil 😀 Aber Fäden selbst ziehen kann ja nicht so schwer sein, wenn man wenigstens ein bisschen Rettungsdienstpraxis drauf hat

    • firefox05c schreibt:

      Technisch nicht so schwer: Sauber arbeiten, nach dem Abschneiden natürlich an dem Ende mit dem Knoten ziehen (und nicht den Knoten durch den Kanal zerren). 😉

      • Ich schreibt:

        Wobei die Reste raus rupfen die der Arzt drin lassen musste weil er mit der Pinzette nicht ran gekommen ist schon etwas wehtut, grade wenn man an die Fäden erst ein bis zwei Wochen nach dem Termin rankommt.

      • Henrik schreibt:

        Also meine Meinung nach ein paar Tagen chirurgischer Ambulanz als Praktikant: Fäden ziehen is doch nicht ganz ohne. Da gibts ja zig verschiedene Knoten-Varianten, sodass man sich echt sicher sein muss, wo man jetzt welchen Faden durchtrennen kann, um nicht einen Rest im Patienten zu belassen. Mag allerdings auch nur meiner eingeschränkten Sicht geschuldet sein…

  2. gnaddrig schreibt:

    Naja, ein Stück weit kann ich den schon verstehen. Nichts gegen Firefox und der Rettungstante ihre Fähigkeiten, aber sich mal eben so bei Kerzenschein überm Rumfass operieren zu lassen ist dann schon was anderes als so richtig beim Arzt. Acht Stiche hat ja auch das Potenzial, lange zu dauern und unangenehm zu werden.

    Obwohl, ob der Doktor das besser macht, weiß man nicht. Ich hatte mal eine größere, hübsch vernähte Platzwunde am Kopf, und bei einem Termin zum Verbandswechsel kuckt sich der Arzt die Stelle so an und meint im besten Stabsarzttonfall, einklich könndie Fäden schon raus – stochert munter mit was Spitzem in der Wunde herum (so hat sich das jedenfalls angefühlt, sehen konnte ich meinen Hinterkopf ja nicht), aso das sieht ja gut aus hier – stocher, stocher, pieks, ziep – sollmwa das ma ehmt wechmachen?

    Er hat mich dann doch noch ein paar Tage schmoren lassen, weil irgendwas noch nicht recht war…

    • firefox05c schreibt:

      Vielleicht hast du mal ein, zwei Fäden an einer zugänglichen Stelle. Dann wirst du unter Umständen selbst in Versuchung kommen, die Nagelschere herzusuchen… 😉
      „Nähen“ ist die eine Sache. „Fäden ziehen“ eine ganz andere – wenn die Wunde zu ist.

  3. Steffi schreibt:

    Ich habe als absoluter Laie auch schon Fäden gezogen. Nach einer OP an der Hand hatte mein Freund keine Lust mehr auf die über 4 Stunden Wartezeit beim zuständigen Arzt, also hab ich mit einer Pinzette den Knoten festgehalten, mit einer spitzen Schere unter dem Knoten den Faden durchgeschnitten und mit der Pinzette einfach den Faden entfernt. Das war wirklich kinderleicht. Habe genau darauf geachtet, dass der Faden wirklich ganz draußen ist, aber das war auch das komplizierteste. Hat bei den 5 oder 6 Stichen wirklich nur Sekunden gedauert.
    Selber durfte er dann ein paar Monate später bei mir Fäden ziehen, dieses Mal nur aus Bequemlichkeit meinerseits.

    Warum jemand davor so eine Angst hat ist mir unbegreiflich. Allerdings verstehen normale Menschen auch nicht, warum ich vor einer kleinen Spinne schreiend vor Angst davon laufe, also urteile ich darüber einfach auch nicht mehr. 😉

  4. Strawberry schreibt:

    Also ich hätte dich das machen lassen .. warum auch nicht? *schmunzel* Aber ich bin ja auch kein großer Bär von einem Kerl, sondern eher ein kleines Mäuschen von einem Mädel. 😀
    Wieder eine schöne Story 😉

  5. Judi schreibt:

    Ich bin auch ein Mädchen. Und käm nichtmal auf die Idee zum Fädenziehen zum Arzt (oder zu sonstwem) zu gehen, solange die irgendwo sitzen wo ich auch nur ansatzweise selbst rankomme.
    Ich hab allerdings auch schon aus allem möglichen Geviechs vom Meerschweinchen bis zum Pferd Fäden und Klammern rausgefrickelt, da ist so ein fein stillhaltender Mensch ein Klacks 😀

  6. linuxuser86 schreibt:

    Tja. Konstantin Wecker hat ja schon festgestellt, dass nicht immer die Lauten stark sind, bloß weil sie lautstark sind…

  7. Steffen schreibt:

    Ein Mann wie ein Baum, sie nannten ihn Bonsai 😀

  8. Georg schreibt:

    Erinnert mich an eine geschichte aus Schulzeiten, ne weile her: Nen Freund von mir hat mir die Fäden aus der Hand gezogen. Ich war auch ganz schön skeptisch, hatte aber auch keine Lust zum Arzt zu gehen und wieder mal ne Stunde im Wartezimmer zu verbringen. Und er war medizinisch sehr interessiert. War erheblich harmloser als ich erwartet hätte. Waren auch nur drei stiche – passiert ist das ganze übrigens weil ich fern ab von nüchtern durch eine Glasscheibe gelaufen bin – ziemliches glück gehabt das nur so wenig passiert ist

  9. Mir wurden vor kurzem die Fäden von 5 tiefen Schnittwunden von einer Famulantin gezogen. Also zumindest hat sie versucht es zu machen. 5mal hab ich ihr gesagt, dass es keine Einzelknopf- sonder Subcutannähte wären, was sie aber scheinbar nicht kümmerte (vermutlich kannte sie den Unterschied nicht).
    Sie fing also fleißig an IN die knoten zu schneiden, was natürlich zur Folge hatte, dass die Fäden fast nicht mehr aus der Haut zu ziehen waren. Dann kam sie auch nicht so wirklich drauf, die Fäden zwischendurch mal zu kürzen, sondern zog jedes mal den ganzen Faden durch die ganze Wunde. Bei 8 cm langen Schnittwunden ist das nicht soooo ein tolles Gefühl.
    Ich sagte ihr dann, dass es viel einfacher wäre, wenn sie nicht in die Knoten schneiden und den Faden zwischendurch kürzen würde.
    „hhhhmm jaja“, kam darauf von ihr und sie machte genau so weiter. Steril arbeiten war scheinbar auch nicht so ihr Ding (Fadenzieher sollte man dann doch nicht mit den Fingern anfassen, also vorne).
    Handschuhe hielt sie scheinbar auch für überflüssig und auch eine Desinfektion vor- und nachher schien ihr nicht so wichtig.
    Ich sagte ihr dann irgendwann, dass sie mir doch bitte das Besteck geben solle, dann würde ich das selbst machen. Wäre mir mit der linken Hand wahrscheinlich immer noch besser gelungen als ihr mit beiden….

    Ihre Reaktion: grooooße, erstaunte Augen, das könne ich doch niemals selbst machen.

    Das Beste war: daneben saß eine Fachärztin! zwar eine Psychiaterin, aber Fäden ziehen sollte man auch als Psychiaterin noch können…

    Die Wunden haben danach noch geblutet, aber beide meinten, da müsse ja jetzt kein Verband mehr drauf. Hab mir dann zu Hause selbst einen gemacht. Die Stunde Fahrt dazwischen ohne hatte dann natürlich eine eitrige Infektion zur Folge.

    Ahhhhh, ich könnte mich immer noch über solche Unfähigkeit aufregen -.-

    Werds jetzt wieder selbst zu Hause machen. Mein Freund hilft mir dann, und der schafft das, trotz keinerlei medizinischer Ausbildung, besser als die beiden….

  10. Als Ergänzung noch: ich finde es immer wieder amüsant, wie gestandene Männer fast in Tränen ausbrechen, wenn man ihnen ein Pflaster abzieht. Besonders Viggopflaster sind sehr gefürchtet!
    😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s