Mittagsschlaf getötet

DIGITAL CAMERAUnser Löschpanzer musste in die Werkstatt: Neben einem undichten Tank und einigen Korrosionsschäden war auch der TÜV fällig. Dementsprechend wurde das Dienstfahrzeug im Schrauberschuppen auch ein wenig aufgehübscht: Lose Schrauben nachgezogen, einige Ecken nachlackiert und die Patina von den Alu- Verschlüssen im Geräteaufbau entfernt. Die Kollegen der anderen Schicht holten das Sonderfahrzeug ab, als es fertig war, hatten jedoch kurz vor der Dienstablösung noch einen Einsatz. Aber beim Einschalten des Blaulichtes bei der Abfahrt erschraken sie etwas: Gleichzeitig mit den Reklametransparenten auf dem Dach brüllte das Panikorchester los!

Kontrolle des Schalters im Armaturenbrett für den Krach: Ausgeschaltet. Klemmte vielleicht der Fußschalter, mit dem der Maschinist die Tröten vor Kreuzungen kurzfristig einschalten konnte? Der Chauffeur trampelte auf dem Schalter herum: Nichts. Die Hörner auf dem Dach gröhlten aus voller Kehle weiter. Nichts zu machen: Mit vollem Getöse mussten sie zur Einsatzstelle fahren. (Ich bitte darum, nicht wieder die leidige Evergreen- Diskussion um dieses Thema zu eröffnen.)

Als sie zurück waren, war es bereits Zeit für den Schichtwechsel. Bei der Übergabe erzählte mir der Maschinist von dem Defekt: „Seit dem das Auto aus der Werkstatt zurück ist, haben wir bei eingeschaltetem Blaulicht ein Lärmproblem. Machste nix, das Horn lässt sich nicht ausschalten. Keine Ahnung, warum.“ – „Tja. Dann werden wir wohl später wieder beim Schrauber vorstellig werden müssen…“ , meinte unser Anstaltsleiter. „Wir fahren am Besten gleich nach der Fahrzeugkontrolle los.“

Doch so weit kam es nicht: Kurz, nachdem wir die Kollegen abgelöst hatten, kam auch für uns ein Alarm: Eine Türöffnung. Wir fuhren also los, das Blaulicht ließ ich bis zur ersten Kreuzung aus. Ich wusste ja, was uns blühte… Dann musste ich aber die Fackeln auf dem Dach entzünden, damit die anderen Verkehrsteilnehmer informiert wurden, dass wir sie bei Rot passieren würden. Augenblicklich brüllte wie angekündigt das Sondersignal los: Keine Schalterstellung, kein Klopfen auf den Fußschalter ließ die Blech- Vuvuzeelas in 3,30 m Höhe verstummen. Dauerhorn.

Nach einer kurzen Fahrt waren wir etwas genervt an der Einsatzstelle angekommen. Während die Kollegen die verschlossene Wohnungstür knackten, überlegte ich noch mal, wo der Fehler liegen könnte. Musste an der akustischen Räumanlage überhaupt etwas repariert werden? Nein. War an einem anderen System geschraubt worden, womit die Kompressoranlage zusammen hing? Nein, beim Austausch des Tankes war man weit genug von der Elektrik und Pneumatik des Horns entfernt… Ich kam nicht drauf.

Zurück an der Wache wollte ich gerade mit einem Kollegen (im früheren Leben mal Elektriker gewesen) auf Fehlersuche gehen, da stand schon der ältere Nachbar von gegenüber neben dem Feuermobil: „Hömma, mal ne Frage: Habt ihr irgendwie einen neuen Wachführer oder so? Oder eine neue Dienstanweisung für Einsätze?“ Ich wusste sofort, worauf er hinaus wollte: „Du meinst, weil wir hier schon vor der Tür das Horn eingeschaltet haben, nicht?“ – „Ja“, meinte er, „Ich habe da drüben im Ersten mein Schlafzimmer. Das ist, wenn das Fenster auf Kipp steht, sehr laut, wenn man gerade schläft…“ Ich konnte ihn beschwichtigen:  „Das ist bloß ein Defekt, wir wollen gerade danach suchen.“ Verständlich: Die Hörner auf dem Dach ziehen beim Ausrücken etwa 3 Meter vor seinem Fenster vorbei. Da kann man einen Senior beim Mittagsschlaf problemlos aus dem Bett blasen, bis seine Decke flattert.

Wir standen nun also zu zweit vor dem Auto und überlegten. Mein Verdacht mit dem Fußschalter war noch nicht ganz ausgeräumt, ich besah ihn mir näher.

Die Feder (unterer Pfeil) war nicht an ihrem Stammplatz (oberer Pfeil)

Die Feder (unterer Pfeil) war nicht an ihrem Stammplatz (oberer Pfeil)

Und siehe da: „Guck mal, der war doch vor dem Werkstattbesuch lose. Jetzt ist er an den Bodenbelag geschraubt…“ Der Kollege Kabelschuh war meiner Meinung: „Dann lass uns den mal aufmachen. Bestimmt haben sie mit den Schrauben ein Kabel oder den Schalter perforiert.“ Nach dem Aufschrauben fanden wir zwar kein angepiekstes Kabel, dafür etwas anderes: „Na bitte“, meinte der Ampèredompteur, „da liegt eine Feder im Gehäuse!“ Klar, das war die Ursache: Zum Festschrauben des Fußschalters wurde die Trittplatte aufgeschraubt. Beim Herummontieren fiel die Feder, die den Brüllkontakt bei Nichtgebrauch offen drückte, von ihrem Platz und wurde beim Zusammenmontieren nicht beachtet. Die Folge: Aufgrund der Gravitation, die in weiten Teilen unseres Stadtteiles wirkt, wurde der Sosi- Kontakt dauerhaft geschlossen – und der Mittagsschlaf des Nachbarn war getötet. Kleiner Fehler, laute (Ton-) Folge.

SpreizerkaffeeDa alle Teile des Schalters noch vorhanden waren, konnten wir den Fehler schnell selbst beheben und uns damit eine weitere Fahrt zur Werkstatt sparen. Rückmeldung an den Wachoberen: „Fahrzeug mit Bordmitteln instandgesetzt. Bereit zum Kaffee fassen.“

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Feuerwehr und Rettungsdienst abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Mittagsschlaf getötet

  1. Anna schreibt:

    Wirklich genial geschrieben, ich kam aus dem Lachen nicht mehr heraus 😀
    Schreib einfach so weiter 😀

  2. BRC_MEDIC schreibt:

    Kommt mir seeeeehr bkannt vor. Wir haben die SoSi-Musik am Hornschalter. Da gibt es zwei Wails und einen Yelp, Nummer 4 (sollte) ist aus. Auf einer San-D haben wir auch mal die Kleinen „Ambulance“ spielen lassen, inclusive Disco und Randale – incl. 999-Schalter druecken. Leider ging das auch nicht mehr aus. Mein Spannmann hat wie ein Weltmeister auf dem Schalter gelegen, bis er auf den einfacheren Schluss kam „Cancel All“ zu druecken.
    Was das am Ende war wusste kein Mensch, funktionierte danach wieder ohne Probleme.

    • gnaddrig schreibt:

      Wenn Kinder und Technik zusammenkommen, kann man immer davon ausgehen, dass die Kleinen über zufällig ausprobierte Tastenkombinationen irgendwelche Funktionen entdecken, von deren Existenz nicht einmal erfahrene Anwender eine Ahnung hatten. Wenn es besonders dumm kommt, aktivieren sie was, von dem man gar nichts weiß und keine Ahnung hat, wie man es wieder abgeschaltet kriegt. Oder umgekehrt. Solche Zufallsfunde können viel Spaß machen…

  3. linuxuser86 schreibt:

    Oha, so mancher Heldenmaschinist aus einer Großstadt-FF hätte seinen Traum. Muss er sich nichtmal schräg anschauen lassen, wenn er das Bläserduo durchspielen lässt.

  4. Irgendeine schreibt:

    Ein Kollege von meinem Vater hat es durch irgendwelche Tastenkombinationen mal geschafft, das einzige NEF im Umkreis von ca. 40 km auf FINNISCH umzustellen.
    Die Jungs hatten alle Mühe wieder Französich bzw. Deutsch einzustellen, bis sie schließlich das NEF aus 40 km Entfernung rufen mussten, um die richtigen Eingaben zu machen, damit es wieder umgestellt werden konnte.
    Damit waren 2 der 4 NEF’s unseres Landes mehrere Stunden lang beschäftigt^^

    • JajaDieSpielkinder schreibt:

      Ähnliches passierte einer amerikanischen Bekannten von mir bei ihrem Schnurlostelefon: Sie hat es beim Rumspielen auf hebräisch geschaltet. Ihre Rettung war dann ein Freund (mittlerweile ihr Mann) jüdischen Glaubens. 😉

      Gerüchte, dass sie ihm deswegen den Heiratsantrag gemacht haben soll, sind stark übertrieben. 😉

  5. Ralph schreibt:

    Kleine Ursache große Wirkung!

    DIY ist immer gut 😀

  6. Heckler (ohne Koch) schreibt:

    Müsste die Überschrift nicht lauten „Mittagsschlaf get(r)ötet“?

  7. Talianna schreibt:

    Der Ausfall der Gravitation wird – wenn auch mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit – in der probabilistischen Sicherheitsanalyse für Kernkraftwerke tatsächlich betrachtet. In so fern: Eure Tröte hätte trotzdem nicht funktionieren können, wenn auch nur in 10^-34 aller Fälle, wenn die Theorie stimmt 😀

    Als Physikerin bilde ich mir allerdings ein zu wissen, dass ein Ausfall der Gravitation ebenso unwahrscheinlich ist, wie die Tröte bei Ausfall der Gravitation das geringste Problem wäre 😀

    Sehr coole Geschichte – und schön kurzweilig erzählt 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s