Wasserflecken auf der Spüle

2014-05-16 10.04.28Wenn man Feuerwehrmann ist, gewährt der Dienst immer wieder Einblick in fremde Leben. Eine Momentaufnahme, ungeschönt, unvorbereitet, unkaschiert. Insbesondere in den Rettungsdienst- Schichten, in denen man sich mit den Patienten und den Menschen in deren Umfeld ein wenig unterhält, in denen man sich oft in Ruhe im Raum umsehen kann, während noch schnell ein paar Schlüpfer zusammengepackt werden, sieht man tiefer in das Leben des Betroffenen, als einem selbst vielleicht lieb ist. Wenn es sich dann bei dem Hilfesuchenden noch um einen „Stammkunden“ handelt, fügen sich immer mehr Puzzleteile zusammen. Man lernt sie kennen – und nimmt sie auch später im Kopf mit nach Hause. Diese Stammkunden sind fast immer entweder Alkoholiker oder psychisch Erkrankte. Jedenfalls haben sie alle etwas gemein: Sie haben die Kontrolle über ihr Leben verloren. (alle folgenden Namen natürlich geändert)

Da ist zum Beispiel Klaus. Er verfiel durch Probleme bei der Arbeit dem Alkohol. Seine Frau verließ ihn, er verlohr seine Arbeitsstelle, sein Geld, seine Wohnung. Obdachlos. Der klassische Weg. So lernte ich ihn kennen: Er ließ sich im Suff treiben, ab und zu ließ er für sich Passanten bei der Feuerwehr anrufen, da er Beschwerden durch hohen Blutdruck habe. Er hatte immer hohen Blutdruck, das wussten wir mit der Zeit. Dafür bekam er Medikamente. Es lief auch oft darauf hinaus, dass er nach einem Gespräch lieber in die Psychiatrie wollte, wo er etwas Aufmerksamkeit bekam. Irgendwann traf ich ihn (wieder im Rahmen eines Einsatzes) und bemerkte, dass er recht sauber gekleidet war. „Ich habe jetzt eine Beteuerin, eine Wohnung zugeteilt bekommen und einen Entzug gemacht. Ich bin jetzt trocken“, erzählte er. Auf dem Weg ins Krankenhaus ermunterte ich ihn, „am Ball zu bleiben“. Ein paar Wochen später traf ich ihn in dieser Wohnung: Vermutlich nüchtern, klagte er nun über diffuse Schmerzen in der Schulter. Für diese Schmerzen konnte er keine Ursache angeben. Psychosomatisch? Im Krankenhaus fand man später auch keine Ursache … Einen Kühlschrank und ein Bett hatte er aber immer noch nicht bekommen. „Meine Betreuerin macht regelmäßig Druck, aber da tut sich nichts.“  Er schlief auf einer einfachen Matratze ohne Bezug auf dem Boden, die Lebensmittel und Getränke standen bei sommerlichen 28 Grad in der Ecke herum. In der Küche stand eine elektrische Doppel- Kochstelle am Boden. Von wegen, „die Hartzies bekommen sowieso alles in den Hintern geblasen“. Wiederum einige Zeit später (ein weiterer Einsatz) sah die Wohnung nicht anders aus, als er mir stolz erzählte: „Gestern waren zwei Kumpel hier, die haben die Pullen, die da stehen, leer gemacht. Aber ich habe nichts getrunken!“ Dieses Mal hatte er Probleme mit seinen Händen, die ihm schmerzten. Immer was neues, irgendwie trotzdem immer das Gleiche – außer, dass er sein Leben jetzt vielleicht etwas besser im Griff hat.

Silke habe ich noch nie in ihrer Wohnung besucht. Sie gabeln wir aber öfters in der Fußgängerzone auf, wenn sie mal wieder in ihr Loch gefallen ist. Oder hinter dem Supermarkt. Oder im Park. Ein riesiges Loch, das wir „Normalos“ nicht sehen können und daher nicht verstehen, wieso sie so hilflos ist. Warum sie den für uns unsichtbaren Käfig  nicht einfach verlassen kann. Sie sitzt dann dort, hat sich mit einer gefundenen Scherbe die Unterarme angeritzt. Dutzende male, bis die Haut in Fetzen hängt. Aber nie so tief, dass es gefährlich wird. Fehlt ihr der Mut? Will sie einfach nur sich selbst spüren? Will sie zumindest für einen Moment über ihren Schmerz Kontrolle haben, wenn sie sonst schon nichts „auf die Reihe bekommt“? Mit ihrem kindlichen Gemüt jammert sie dann, dass sie „sich wegmachen will“, „nach da oben will“, um hier „niemanden zur Last zu fallen“ und „da oben ihre Aufgabe erfüllen kann“. Manchmal schluckt sie auch Nägel. Das ist auch die erste Frage der Pfleger in der Psychiatrie, wenn wir mit ihr kommen: „Ach, die Silke … hatte sie wieder Nägel zu Abend?“ Oder sie schluckt Paracetamol. Sie weiß selbst, dass sie 20 Tabletten nicht umbringen, aber „vielleicht gibt ja irgendwann die Leber auf und ich sterbe dann?“ Da bleibt auch beim Retter schon mal der eine oder andere Gedanke hängen …

Heico wiederum ist Anfang dreißig und hat zwar eine Arbeitsstelle, aber auch „einen Schlag an der Murmel“: Sie rollt noch einigermaßen. Wenn sie jedoch von Zeit zu Zeit über die angeschlagene Stelle kommt, gerät sie aus der Bahn. Die Medikamente reichen dann nicht mehr, Heico wird depressiv und will sich und andere umbringen. Glücklicherweise realisiert er seinen Absturz, bevor etwas passiert, und ruft uns an. „Ich kann nicht mehr, ich werde wahnsinnig. Ich muss hier weg, bevor ich losrenne!“ Dann bringen wir ihn in die Psychiatrie – wenn wir endlich los kommen, denn er hat auch eine Zwangsstörung: Die Einrichtung seiner armseligen 2- Kästchen- Behausung lässt sich auf einer Postkarte auflisten. Der Kleiderschrank ist leer, die fünf Habseligkeiten liegen auf einem Sessel aufgetürmt. Trotzdem muss er alles mehrfach kontrollieren, bevor es los geht: „Ist das Licht im Bad aus? Ist der Stecker vom Fernseher abgezogen? Ist der Wasserhahn zu? Haben wir das Ladegerät fürs Handy eingepackt? Wir müssen den Müll noch mitnehmen.“  Anschließend geht es von vorn los: „Und das Licht im Bad? Ich muss noch mal nach dem Wasser in der Küche sehen. Ist der Fernseher ausgestöpselt? …“ Es dauert schon mal 20 Minuten, bis wir die Wohnung verlassen können. Im Krankenhaus wird er wieder „auf Spur gebracht“ und entlassen, danach geht es wieder ein paar Wochen. Untherapierbar. Das ist kein Leben, wenn man nur auf den nächsten Absturz wartet.

Viele der Wohungen, die wir betreten, sind das blanke Chaos. Mehr, als man als Außenstehender vermuten möchte. Manchemal ist es der eigene Nachbar, der nicht einmal im Bett genug Platz hat, um dort zu schlafen, da selbst dort Schmutzwäsche, Papiere und Flaschen zu Hauf liegen. Dann fällt mir auf, dass viele Wohnungen ein Spiegel des Lebens der Bewohner sind: Dreckig, Chaotisch, ohne Kontrolle oder feste Regeln. Das Leben der Patienten ein Scherbenhaufen, sie vegetieren in Armut vor sich hin. Der Tag dreht sich nur noch darum, ihn abzubummeln. Mit der Zeit verblöden sie quasi, wissen sich in den einfachsten Situationen nicht zu helfen, manche kommen nicht einmal mehr bis zur eigenen Toilette.

Wenn ich dann nach Schichtende den Tag Revue passieren lasse, bin ich froh, dass mein Leben so geradlinig verlaufen ist. Dass bei uns zu Hause alles läuft. Dass wir stark sind, wenn mal ein Problem auftaucht. Dann passiert es mir, dass ich mit meiner Frau in der Küche sitze, wir uns über unseren Tag erzählen, und ich immer wieder aufstehe, um mit dem Putzlappen zu hantieren: Da ist ein Fingerabdruck auf dem Ceranfeld. Die Krümel vor dem Brotkorb sehen schlimm aus. Und auf dem Schubladengriff ist ein wenig Mehl gestaubt…. Frau wird dann fast wahnsinnig: „Jetzt hör doch mal auf zu putzen! Das ist ja total ungemütlich! Du musst jetzt nicht die Backofentür polieren. Und der Fleck an der Spülmaschine hat auch Zeit bis später!“

2015-08-16 19.54.08Mir selbst ist es nicht aufgefallen. Ich war immer schon jemand, der die Sachen gerne  in Ordnung und am gleichen Platz hat. Aber Frau sagt, jedes mal, wenn ich von einer RTW- Schicht komme, fange ich an, herum zu putzen. Ich versuche zwar, mich dann zurück zu halten, wenn sie mich darauf stößt. Aber nach manchen Schichten habe ich so viel Dreck in der Seele, dass ich nicht auch noch den Wasserfleck auf der Spüle ertragen möchte.  Der ist nämlich einfacher zu beseitigen als der Schmutz im Kopf.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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14 Antworten zu Wasserflecken auf der Spüle

  1. AK schreibt:

    Ich muss grade weinen…

    • firefox05c schreibt:

      Öhm… Warum?

      • Weil du es sehr objektiv und doch empathisch geschrieben hast. Und weil Gesunde dann, wie du auch sagtest, mal wieder merken, wie gut sie es in der Hinsicht haben.
        Zumindest interpretiere ich die Aussage so.

      • AK schreibt:

        Ich kann sowas schlecht in Worte fassen, mir gehen Emotionen durch den Kopf, aber nicht durch den Mund oder die Finger.
        schwesterirgendeine hat es ziemlich treffend beschrieben.

      • Andi schreibt:

        Meine Augen haben auch gerade geschwitzt! Als jemand, dessen Murmel manchmal auch nicht rund läuft, tut es mir Leid, dass anderen dadurch auch manchmal die Seele verdreckt. Ich hoffe, Du kannst es immer wegputzen.

      • firefox05c schreibt:

        Das mit der „Seelenhygiene“ klappt ganz gut. Wenn ich wirklich darunter leiden würde, müsste ich mir was überlegen (bzw. in „Reinigungsfragen“ einen Schritt weiter gehen). Aber als Mensch nimmt man eben auch schon mal von der einen oder anderen Schicht etwas Arbeit mit nach hause. Ab einem gewissen Alter macht man sich ja doch ein paar Gedanken – nicht bei jedem Patienten, aber bei dem einen oder anderen. Ich finde, wenn einen die Patienten grundsätzlich kalt lassen, ist man auch nicht wirklich gut im Job.

    • A.F. schreibt:

      Geht mir auch so und zwar genau aus den Gründen die schwesterirgendeine genannt hat.

  2. Chris schreibt:

    Und das ist es, was kaputt macht. Der Alltag in diesem Job. Gut, dass Du Deine Frau hast, die scheinbar mit für eine Art doppelten Boden sorgt.

  3. BB schreibt:

    Lieber Firefoxy,
    DANKE für diesen wie immer ehrlichen und offenen Einblick in Deinen Rettungsalltag und auch Dein privates Leben & was Du nach Schichtende so „alles mitnimmst“ … ich glaube, es gibt viele Wege, damit umzugehen und es ist schön, dass Deiner zu Hause so funktioniert. Weiterhin „guten“ Umgang und Verarbeitungs“power“ für Dein Leben !
    BB

  4. Ich kann dir sagen warum sie sich schneidet. Hör dir bei Youtube mal das Lied „Klingen“ Von der Band „Nachtmahr“ an. Die Musik muss man nicht gut finden, aber der Text erklärt das ganze ziemlich gut.
    „Es ist als würde man die Luft anhalten bis man fast platzt. Und wenn du dich schneidest, ist es, als könntest du endlich wieder atmen“
    Man tut es weil man sich schämt, weil man sich nicht anders zu helfen weiß, weil man seinen Körper hasst, weil man sich bestrafen will, weil Schmerz spüren besser ist als gar nichts zu fühlen.
    Um die Leere in einem zu füllen, um sich aus einer Dissoziation wieder in die Realität zu holen, manchmal um andere Personen zu bestrafen (eher selten ein Grund), um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber nicht im Sinne von „Ich mache das um cool zu sein“ sondern eher „Ich schreie stumm nach Hilfe, weil ich mich nicht äußern. Seht dass ich einfach nicht mehr kann, und helft mir bitte“.
    Es ist ganz oft ein stummer Hilfeschrei. Ein Schrei nach Liebe, Fürsorge, überhaupt beachtet werden. Egal wie. Wer keine positive Aufmerksamkeit bekommt, sucht sich wenigstens negative. Immer noch besser als gar nicht wahrgenommen zu werden.

    Sorry, das ist gerade so aus mir herausgesprudelt. Ich finde es sehr lobenswert dass du das ganze ohne Wertung schreibst, ist nicht selbstverständlich. Vllt kannst du durch den Text etwas besser verstehen was im Kopf eines solchen Menschen vorgeht. Wie gesagt, das Lied erklärt es sehr,sehr gut.

    lg

    • firefox05c schreibt:

      Dass es verschiedene Motive dafür gibt, wollte ich mit meinen Fragen schon andeuten. – Und deutlich machen, dass es als Außenstehender schwer nachzuvollziehen ist, man sich aber trotzdem seine Gedanken dazu macht und nicht immer einfach darüber hinweg gehen kann.

  5. IK schreibt:

    Berührend! Danke, Foxy! Wenn ich mal einen Retter brauchen sollte, wünsche ich mir einen, wie dich: mit Herz.

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