PSU: Wenn die Kollegen plötzlich nerven

Häufig liest man in den Medien etwas über Einsätze, die belastend sein können: Menschen sterben, Kollegen werden verletzt …  Manchmal sind diese Einsätze Extremsituationen, und nicht immer bleiben danach all‘ die Eindrücke im Gerätehaus. Doch während die Betreuung für die Opfer, deren Angehörige oder für die Zeugen des Vorfalles gezielt angeboten wird (Stichwort: Notfallseelsorge), wird von den Einsatzkräften oft erwartet, dass sie „schon damit klar kommen werden“. In der Tat klappt das häufig auch, sonst wären die Kollegen in Blau und Rot größtenteils gestört. 😉  Durch Erfahrungen, Heranführung über Übungen und dem Quatschen nach einem Einsatz ist der Käse meist gegessen.

Doch was, wenn nicht? Wenn man sein Päckchen mit nach Hause nimmt und es dann dort herumsteht? „Wenn ich ein Problem habe, werde ich mich schon melden“, sagen die, die PSU überhaupt für Sinnvoll erachten, was noch längst nicht alle erkannt haben. „Spätestens, wenn ich immer bei runtergelassenem Rollo dasitze, merke ich das doch!“ Der Haken an dieser Aussage: Man merkt es eben nicht immer, wenn man selbst betroffen ist. Weil man keine objektive Selbstwahrnehmung hat, werden die Anzeichen häufig falsch gedeutet:

An einem Einsatz darf einHelfer nicht zerbrechen

„Ich schlafe schlecht, weil die Geräusche von draußen oder vom Mieter über mir so störend sind. Die Frau macht ständig Dinge, die mich auf die Palme bringen, die hat bestimmt PMS. Und die Kollegen bei der Arbeit nerven sowieso, mit denen kann ich nicht vernünftig arbeiten. Zum Vereinstreffen gehe ich heute Abend nicht, wie auch die letzten beiden mal: Kopfschmerzen. Bleibe ich eben zu hause. Da hat man seine Ruhe. Darum wird auch mein Piepser abgeschaltet.“

Kurz: In der eigenen Wahrnehmung verändert man sich natürlich nicht selbst, sondern die anderen sind plötzlich doof. Daher der Rat: Wenn ihr einmal von einem Einsatz mit dem Stichwort „Schlimm2“ zurück kommt, informiert auch den Lebenspartner, damit er auf euch achten kann. Körperlich können sich psychische Belastungen auch in dauernder Übelkeit, häufigen Kopf- und Rückenschmerzen äußern. Die Konzentration lässt nach, man ist schreckhaft. Durch nächtliches Zähneknirschen hatte ich mir sogar mal eine Plombe geschrottet … Diese und weitere Symptome muss man erst mal auf ein Einsatzerlebnis zurückführen! Darum habe ich ein großes Interesse für das Thema entwickelt, was letztendlich in die Ausbildung zum PSU- Assistenten gipfelte.

Bereits im Vorfeld setzt die Unterstützung der Kameraden an: Der Hinweis im Rahmen von Lehrabenden auf die  Symptome einer Belastung, auf die Möglichkeit von vertraulichen Gesprächen und auf das rückwertige Netzwerk, sowie ein kurzer Abriss, wie die Verarbeitung von Belastungen funktioniert, geben schon eine gewisse Sensibilität für das Thema. Nach einem „knackigen Ding“ wird noch einmal in 10 Minuten auf die PSU- Arbeit und die Streßsymptome hingewiesen, um sie in Erinnerung zu holen. Auch eine „Demobilisations- Runde“, bei der mit der Mannschaft über die technische Seite des Einsatzes und objektive Fakten gesprochen wird, um jedem den gleichen Kenntnisstand zu geben, kann bei der Einordnung helfen. Das alles zählt zur „Prävention“, da es bereits vor dem Verarbeiten des Einsatzes stattfindet.

wenn man blockiert ist, hilft ein lösendes Gespräch

Dass man nach einem heftigen Einsatz einige Tage an den Eindrücken zu knacken hat, ist normal. Auch die angesprochenen Symptome können auftreten, bis man „damit durch ist“, was unter Umständen zwei Wochen dauern kann. Sollte man aber auch nach vier Wochen immer noch unter dem Streß leiden, sollte es nicht vorwärts gehen in der Verarbeitung, wird es Zeit für ein Gespräch mit jemandem, der die Sache mal unabhängig einschätzen kann.

Kameraden, die eine Schulung mit dem Ziel „PSU- Assistent“ (ca.120 Stunden) besuchen, werden in Gesprächsführung, Körpersprache, Grundlagen der Psychologie und Streßbewältigungsmethoden eingewiesen. Der Umgang mit Suchterkrankungen, Leiden, Sterben und Tod gehört genauso zur Ausbildung wie Ressourcen- Mobilisation. „PSNV“, die „psychosoziale Notfall- Versorgung“, ist da nur ein weiteres Gebiet.

Ein PSU- Gespräch findet dann entweder als Einzel- oder Teamgespräch (z.B. die Kameraden des Angriffstrupps) statt. In der vertraulichen und geführten Unterhaltung soll sich der Hilfesuchende über seine Gedanken klar werden, es sollen die Eindrücke richtig eingeordnet und Selbstzweifel ausgeräumt werden. Reden hilft dabei, einiges wieder gerade zu rücken. Was durch die PSU ausdrücklich nicht stattfindet, ist eine Therapie. Stattdessen werden Gedanken gelenkt, Ziele vereinbart, bei Bedarf weitere Gespräche geführt. Alles natürlich vertraulich. Kommt es „ganz dicke“, weiß der PSU- Kollege, wo man Selbsthilfegruppen oder gar einen Therapeuten findet, stellt den Kontakt her und begleitet den Kameraden vielleicht sogar zum ersten Treffen. Die Message: Es geht weiter, und es gibt Hilfe.

worst case …

Bei der Berufsfeuerwehr (und hoffentlich nicht nur dort) haben die Kollegen der PSU auch ein offenes Ohr für private Probleme. Was die PSU das angeht? Die unführbare pubertierende Tochter, der kriminell gewordene Sohn oder eine Scheidung können auch Auswirkungen auf den Dienst haben. Drücken vor der Arbeit, der Unwille zur Teambildung und sogar Vorwände für Krankschreibungen sind die Folgen von zu viel Streß. Und schließlich hockt man 24 Stunden lang aufeinander, da werden Gespräche schnell mal „privat“.

Also: Wenn eure Frau oder euer Mann „plötzlich unausstehlich“ wird, überlegt, ob es nicht auch an euch liegen könnte. Und wenn ihr einfach mal drüber reden wollt: Wir von der PSU sind da. Ganz unverbindlich.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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5 Antworten zu PSU: Wenn die Kollegen plötzlich nerven

  1. Steffen schreibt:

    „In der Tat klappt das häufig auch, sonst wären die Kollegen in Blau und Rot größtenteils gestört.“
    Sind wir das nicht alle ein wenig?

  2. Jules schreibt:

    Was ich allerdings nicht mag ist die Leute krank zu reden. „Das war sooo schlimm, da musst du jetzt dieses und jenes machen“. Man muss auch mal akzeptieren, dass jemand nicht über etwas reden will, weil er solche Dinge eben anders verarbeitet.

    • firefox05c schreibt:

      … und unter Umständen hat er auch gar kein Problem. 😉
      Im Ernst: Wer ein Gespräch möchte, muss schon von alleine kommen. Man kann sich ihm im Laufe einer unverfänglichen Unterhaltung anbieten, sollte aber genug Feingefühl haben, um zu merken, wenn der Gegenüber nicht möchte. Egal, ob er gar keine Belastung hat, er nicht darüber reden möchte – oder womöglich nur gerade nicht mit mir.
      Leute, die sich aus übertriebenem Aktionismus aufdrängen, machen die Türen eher zu als auf. „Krankreder“ kenne ich nämlich auch: Wir hatten mal einen Wachführer, der regelmäßig z.B. aus einem Unfall mit 5 unbeteiligten Zeugen einen mit mindestens 4 betreuungspflichtigen Personen gemacht hat. 😉

  3. BRC_MEDIC schreibt:

    Da muss ich mal meine Leute loben (egal ob Norm-RD oder HiOrg): Nach einem traumatischen Job bekommt man innerhalb von einer Stunde einen „Wellfare-Call“. Wer ganz am Ende ist kann dann „offline“ gehen um einen Couchmanager zu sehen.
    Meist hilft es mit dem Crewpartner oder anderen Respondern zu sprechen. Ohne zu sagen, wir wären kalt, es passiert eigentlich nur noch wenn Kinder beteiligt sind. Aber wir haben die Chance für weitere Gespraeche, das ist immer gut zu wissen.

    • firefox05c schreibt:

      Wer viele Einsätze fährt, hat wahrscheinlich mit „dem üblichen Gedöhns“ auch kein Problem. Mich hatte es bisher in 30 Jahren Einsatzdienst (davon 20 bei der BF) nur zwei mal „erwischt“. Beide Male bin ich aber auch ohne Hilfe klar gekommen. Das heißt aber nicht, dass es immer und bei jedem so ist…
      Einer der Dozenten im Lehrgang, der selbst PSU und Notfall- Seelsorge macht, erzählte, dass die Kollegen zwar sehr selten bei ihm Rat suchen – seine Visitenkarte hüten sie aber wie einen Schatz. Nur der bloße Gedanke, nicht alleine zu sein, hilft.

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