Problemtauben

 

Jeder, der in einer Großstadt lebt, kennt unter Brücken und an Gebäudevorsprüngen Taubenabwehrnetze: Sie werden gespannt, um zu verhindern, dass sich die ehemalig vom Menschen gehaltenen, heute aber meist verwilderten Vögel auf dem Gesims rumlümmeln, durch ihre Verdauungsprodukte Gebäudeschäden entstehen und Reinigungskosten anfallen. Denn diese sind nicht unerheblich, da Vogelkot recht ätzend ist. Solche Netze wurden auch am hiesigen Bahnhof montiert. Und hier hat eine Taube dann doch noch einen Weg gefunden, sich hindurch zu schummeln, um ebendort rumzulümmeln.

Bereits kurz nach dem Schichtwechsel wurden wir alarmiert: Eine Taubensympathisantin hatte das betreffende Tier hinter dem Netz unter einer Fußgängerbrücke am Bahnhof entdeckt und wollte nun, dass wir es befreien. Heute waren Stefan und Heiko mit mir auf dem Löschfahrzeug eingeteilt, beides schon ältere Kollegen. Auf dem Fahrzeug waren also ohne den Wachführer fast 150 Jahre Lebenserfahrung unterwegs. „Wir brauchen noch ein paar Kabelbinder, um das Netz nach der Aktion vielleicht wieder zu befestigen“, sagte unser Chef vor der Abfahrt. Er war zur Vertretung bei uns, weil unser originärer Heimleiter erkrankt war, und dementsprechend etwas unsicher, wie die Sachen hier laufen würden. Und wie sich später herausstellte, kannte er sich wohl auch nicht besonders gut mit Tauben aus. Wir suchten also vor dem Ausrücken ein paar Plastikstrapse zusammen, nahmen für den Fall der Fälle auch noch einen Tiertransportkarton mit und fuhren (natürlich ohne Reklame in Bild und Ton) zum Bahnhof. Dort nahm uns eine resolute Taubenfreundin im Rentneralter in Empfang und wies uns ein: „Da oben, vor dem Brückenlager, da sitzt sie!“ Wir schauten hinauf unter die Brückenkonstruktion und entdeckten das Tier in knapp vier Metern Höhe. Es lief gemütlich ein wenig auf dem Sims des Brückenpfeilers hinter dem Netz hin und her. Eine weitere Taube flog genau auf die Gefangene zu und flatterte etwas vor dem Netz herum, bis sie wieder abdrehte und einen anderen Landeplatz suchte. „Und das ist wohl die Partnerin, die ist schon ein paar mal hier angeflogen“, klärte uns die Vogelfrau auf. „Wenn Sie die Taube jetzt befreien würden … Ich gehe in der Zwischenzeit einkaufen und sehe später noch mal vorbei.“ Toll. Wir hatten die Arbeit, sie kontrolliert.

Unser Chef legte also seine Strategie fest: „Nun gut. Wir nehmen zwei Steckleiterteile vor, Stefan geht dann hoch und macht so ein Loch ins Netz.“ Er zeigte mit den Händen einen Umriß von etwa 30cm Durchmesser an. „Dann wird sie schon rauskommen!“ Ich runzelte die Stirn: „Du glaubst, sie kommt da einfach von allein heraus?“ – „Ja. Wenn die sieht, dass das Netz offen ist … Warum nicht? Wir warten etwas, dann haut die schon ab.“ Ich fürchtete, unser Vorsteher überschätzte die kognitiven Fähigkeiten einer gewöhnlichen Freilandtaube ohne Schulbildung etwas, und brachte meine Befürchtungen zum Ausdruck: „Weiß die überhaupt, dass sie eingesperrt ist und dort weg soll? Ich denke, die Partnertaube wird eher hinein- , statt der gefangene Vogel hinaus fliegen!“ Auch Stefan und Heiko hatten ihre Bedenken, und plädierten dafür, dass wir das Netz etwas großflächiger abhängen und den unerwünschten Brückenokkupanten dann zu seinem Glück scheuchen. „Wie lange willst du denn dann warten?“, fragte Heiko. „Och, die wird bald Hunger oder Durst bekommen, dann fliegt die weg“, sinnierte der Bestimmer unserer Boygang. „Außerdem lockt der Partner doch von außen. Die wird schon abhauen.“ Ich fand die Vorstellung etwas naiv, hatte aber die falsche Gehaltsgruppe, um mich gegen den Wachführer durchzusetzen. Es gab in meinen Augen für die Taube schlicht keinen Grund, den Sims zu verlassen. Manchmal hängen Tauben den halben Tag in einem solchen Winkel rum und pfeifen den Mädels nach, ohne dass ihnen irgendwie in den Sinn käme, für einen Imbiss wegzufliegen. Cheffchen war aber guter Dinge. Zähneknirschend mussten wir dem Vorgesetzten also zeigen, dass er sich die Sache etwas zu einfach vorstellte, und so brummelte ich Stefan zu: „Ich denke eher, die andere Taube will dort auch noch rein!“ Heiko gab uns zwei der vier  Steckleiterteile vom Dach des Löschbombers, wir stellten sie im Bereich der Taube an den Brückenpfeiler. Stefan kraxelte mit Schutzbrille hinauf (Taubenkacke in den Augen ist nicht sehr gesund) und schnitt das verlangte Loch in das Netz. Dann stieg er wieder hinab und wir entfernten uns ein paar Meter, mit der Überzeugung, dass sich dort oben etwa genauso viel tun würde, als wenn wir unter der Brücke „Ihr Kinderlein, kommet!“ hochgesungen hätten. Zweistimmig.

Tatsächlich kehrte die Taube, die etwas Abstand genommen hatte, als Stefan hinaufstieg, wieder zum nun offenen Netz zurück. Aber es schien ihr dort am Brückenlager wohl ein prima Platz für ein Nest zu sein, denn sie stolzierte zufrieden gurrend umher. Heiko stieß mich an und raunte: „Glaubst du, das klappt?“ Ich schüttelte den Kopf: „Auf keinen Fall. Wir haben ihr noch nicht gesagt, dass sie dort weg soll. Woher soll sie es dann wissen?“ Er grinste: „Wenn die jetzt aber zufällig da rausfliegt, stehen wir blöd da, und der Chef hat die nächsten drei Jahre bei jeder noch so bekloppten Idee Oberwasser!“ Das befürchtete ich allerdings auch.

Nun standen wir auf dem Bahnhofsvorplatz: Ein Löschfahrzeug und vier Feuerwehrleute trödelten dort herum und warteten, dass eine unbedarfte Taube Brand in der Kehle bekam und sich durstig durch ein Loch verzog, dass sie wahrscheinlich noch nicht einmal als Ausweg empfand. Wenn sie überhaupt einen Ausweg suchte! Der Bürger musste eine hohe Meinung von uns bekommen, wenn er uns so sinnlos herumgammeln sah. Mir war es schon etwas peinlich. Der Heimleiter bemerkte unsere Unzufriedenheit und trat zu uns, um die Lage zu entspannen: „Was wollt  ihr denn, ist doch nicht schlecht: Ihr werdet nun dafür bezahlt, hier in der Sonne stehen zu dürfen!“ Ich entgegnete nur mißmutig: „Sonne macht die Haut alt.“ Er setzte nach: „Ihr werdet schon sehen, gleich fliegt die Taube weg.“ Ich konnte nicht anders, als sarkastisch zu werden, und warf ihm schon fast grenzwertig frech vor: „So lange wir da kein Hinweisschild aufstellen mit der Aufschrift: ‚Tauben bitte hier entlang!‘, wird die wahrscheinlich weder wissen, dass sie gefangen ist, noch das Loch bemerken.“ In dem Moment tat sich hinter uns etwas an der Brücke: Die Partnertaube kam nochmals angeflogen. Und fand das Loch. „Guckst du!“, stieß Stefan hervor, der es beobachtet hatte, und zeigte auf unsere Einsatzstelle. „Nun ist die Zweite auch noch drin!“ Die Begrüßungszeremonie hinter dem Netz war schon sehr rührend, aber nicht zielführend. Der Wachführer war ein wenig entsetzt, dass die beiden Flattertiere so eine Ignoranz an den Tag legten und nicht daran dachten, den Brückenpfeiler auf behördliche Anordnung zu verlassen. Und ein paar Sekunden später, als ihm langsam dämmerte, dass Tauben doch nicht ganz so ticken wie Menschen, legte das Karma noch eins drauf: Eine dritte Taube, die die beiden ersten so einträchtig hinter dem Netz turteln sah, fand den Platz wohl auch recht attraktiv – und gesellte sich kurzerhand hinzu! Jetzt sah auch unser Vorsteher ein, dass aggressives Zuwarten nicht die Methode der Wahl und stattdessen Handeln angesagt war. Etwas zerknirscht ordnete er die neue Strategie an: „Oh… Hmm… Das ist ja doof… Na gut, dann holen wir nun die beiden anderen Steckleiterteile, stellen sie an die linke Ecke des Pfeilers, und Heiko steigt hinauf, damit die Tauben nicht in seine Richtung abhauen. Die Leiter, die dort unter dem Loch steht, stellen wir auf die rechte Seite, und Stefan treibt die Tauben dann rüber in Richtung Loch.“  – „Das ist ein Plan“, grunzte Stefan erleichtert, und wir bauten unser Equipment auf wie geheißen. Tatsächlich ließen sich die Viecher in Richtung Loch treiben, und als Heiko von der Fluchtrichtung aus etwas Lärm machte, flogen die Tauben nacheinander erschrocken durch das Loch weg. Problem in etwa 5 Minuten gelöst. Triumphierend schloss Stefan das Loch im Netz wieder, wir packten grinsend die Leitern wieder aufs Fahrzeugdach und setzten uns zufrieden ins Auto. Nun war die Sache dem Heimleiter etwas peinlich, aber es reichte uns, dieses festzustellen. Vorgesetzte soll man ja nicht auslachen …

 

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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7 Antworten zu Problemtauben

  1. BRC_Medic schreibt:

    Warum muss ich hier gerade an TRAFALGAR SQUARE denken? Weiss der Henker wie die mit der ätzenden Substanz fertig werden.

  2. WPR_bei_WBS schreibt:

    Klarer Fehler Eurerseits – ihr habt das Schild „Einfahrt (Einflug) Verboten“ nicht aufgestellt! 🙂

  3. Hartmut Semken schreibt:

    Einige Firmen verwenden statt der Netze, Elektrodrähte oder Spikes heutzutage ganz gern Nistkästen. Für Wanderfalken.
    Denn: die Falken stehen unter Schutz (man tut also was für den Naturschutz!) und der Kasten ist mit kompletter Wartung billiger als jedes Netz.
    Und das Kotproblem ist genauso effektiv gelöst.

    • firefox05c schreibt:

      Vorausgesetzt, der Kasten wird von Falken entdeckt und angenommen. Allerdings sind Tauben hier so weit verbreitet, dass es wohl kaum so viele Wander- oder Turmfalken geben wird …

      • stuttgarterapothekerin schreibt:

        Der Wanderfalke jagt und frisst Tauben… sollte also eigentlich funktionieren. Blöd nur, dass er für ne Stadt zu scheu ist.
        Der Turmfalke frisst keine Tauben, nur kleineres Getier. Der würde eher in die Stadt ziehen… aber das hilft beim Tauben- Problem nicht.

      • Hartmut Semken schreibt:

        Berlin-Pankow muss daher als Dorf gelten: in den (etwas geschützt angebrachten) Nistkästen hier siedeln seit einigen Jahren immer mindestens 2 Brutpaare.
        In Düsseldorf sind mir auch gelungene Ansiedelungen an Büro-Hochhäusern bekannt.

        Was die Tiere vor allem brauchen ist Höhe.
        Diese hatte eine typische deutsche Stadt früher nicht zu bieten – dank höherer Bauten heute schon.

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