Wie viel Glück man haben kann

In der laufenden Schicht war ich mal wieder auf dem Versehrtentaxi eingeteilt. Nach einem Nachmittag mit den mittlerweile leider üblichen „De Luxe“- Taxifahrten für knapp 300€ (unter anderem begutachteten wir in der Nacht noch einen eingeschlafenen Arm…) saßen Sascha und ich vor dem Flimmerscreen und wurden vom Regisseur gerade an die Handlung des Abendfilmes herangeführt, als unsere Brüllwürfel zu einem Einsatz riefen. Auf dem Display stand zu lesen: „VU, PKW gegen E-Roller“, was den ersten richtigen Notfall in dieser Schicht versprach. Wir besetzten also den roten Patienten-Lieferwagen und fuhren mit blitzender Leuchtreklame zum Einsatzort.

An der angegebenen Unfallstelle mündete eine Wohnstraße ampelgeregelt in eine vierspurige Hauptstraße, auf der gerne auch mal die im Navi errechneten Reisezeiten verkürzt wurden. Durch eine Biegung letzterer war die Einmündung zudem etwas unübersichtlich, und die Seitenstraße war auch noch abschüssig. Und das nicht zu knapp!

Auf der Fahrbahntrennung lag ein E-Scooter eines national bekannten Verleihers (der Name erinnerte irgendwie an eine Südfrucht…), und am Straßenrand stand ein warn- beblinkter PKW. Auf dem Gehweg neben dem Auto standen drei Personen, ein junger Mann winkte uns in der fortgeschrittenen Abenddämmerung zu.

„Da drüben winkt einer!“, sagte ich zu Sascha. „Da wird doch nichts passiert sein? Woll’n wir mal gucken?“, frotzelte er zurück. Sascha wendete das Dienstfahrzeug und blieb damit hinter dem PKW stehen. Wir stiegen aus.

„N‘ Abend. Was ist denn passiert?“, fragte ich, während ich mir einen ersten Überblick verschaffte. Am abgestellten Auto war kein Schaden zu sehen, und der elektrische Tretroller lag scheinbar ohne sichtbare Deformierungen auf der Mittelinsel. Vor uns stand besagter Winker, der, wie sich herausstellte, der Fahrer des Autos war, und eine Mittzwanzigerin, die etwas Blut an der Hand und ein Loch in der Hose am linken Knie hatte. Der zweite Mann war ein unbeteiligter Ersthelfer, der von der nahen Bushaltestelle hinzugekommen war. Frau Hosekaputt klärte uns auf: „Ich bin mit dem Roller die Nebenstraße runtergefahren, als ich gemerkt habe, dass die Bremse nicht richtig zieht. Da bin ich natürlich immer schneller geworden und konnte nicht mehr anhalten! Hier unten auf der Kreuzung bin ich dann gestürzt.“ Der Autofahrer warf ein: „Ja! Ich bin hier die Hauptstraße runtergekommen, und da schoss das Mädel auf einmal aus der Seitenstraße vor mein Auto! Meine Ampel war „grün“, und ich konnte gerade noch anhalten! Dann habe ich ihr hochgeholfen. Mann, ich habe mich vielleicht erschrocken!“ Ich vergewisserte mich: „Sie haben sie also nicht angefahren?“ – „Nein. Bin gerade noch zum stehen gekommen“, bestätigte er. Und die Patientin fragte ich: „Und Sie? Wie sind Sie gestürzt? Was tut nun alles weh?“ Die Verunfallte erzählte mir, dass sie nur leicht mit dem Kopf auf den Rasen auf der Mittelinsel geprallt war, sich aber am kleinen Finger verletzt hatte und ihr das Knie und der Ellenbogen weh taten. Da sie sich frei bewegen konnte, ließ ich sie ins Auto steigen und sich auf die Trage legen, um sie in Ruhe untersuchen zu können. Derweil sah ich die Autos auf der Hauptstraße mit den hier üblichen Geschwindigkeiten vorbeirauschen. Ein paar Meter weiter war die erwähnte gut getaktete Bushaltestelle, häufig kamen hier deshalb auch diese rollenden Pendler- Transportriegel vorbei. Mir wurde klar, dass die Sache auch ganz anders hätte ausgehen können.

Die gestürzte Scooter- Okkupantin hatte sich auch bei näherem hinsehen nicht ernsthaft verletzt. Der Kopf war unversehrt, alles frei beweglich, lediglich ein paar Schürfwunden und eine blutende Wunde am kleinen Finger hatte sie sich zugezogen. „Vielleicht stünde ihr mit ihren Fallkünsten eine Karriere als Fallschirmspringerin gut“, dachte ich mir. Sie bekräftigte noch einmal, dass sie nicht mehr anhalten konnte, sondern die Bremsleistung des Fußgängerbeschleunigers lediglich für eine verminderte Beschleunigung gereicht habe. „Dann haben Sie aber ein Schweine- Glück gehabt, dass nicht mehr passiert ist“, bestätigte ich ihr. Wir fuhren also in den örtlichen Karbolbunker, um die junge Dame zur weiteren Bearbeitung ihrer Bagatellverletzungen und letztendlichem Ausschluss versteckter Schäden vorzustellen.

Auf dem Rückweg von diesem objektiv gesehen eher harmlosen Einsatz machten Sascha und ich uns unsere Gedanken. Man stelle sich die Situation vor: Ihr fahrt spät abends nichtsahnend eine Hauptstraße entlang, konzentriert euch vermehrt auf die noch grüne Ampel, und plötzlich schießt ein ebenfalls grüner Blitz aus der Seitenstraße vors Auto! Zusätzlich zur nicht abwegigen Möglichkeit, die Rollerfahrerin über die Windschutzscheibe fliegen zu sehen, könnte ein nachfolgendes Fahrzeug mit der Reaktion darauf, dass der Vordermann plötzlich den Anker schmeißt, überfordert sein und ungebremst auffahren. Ich sinnierte: „Diese Patientin kann eigentlich ihren 2. Geburtstag feiern. Denn wenn der PKW- Fahrer – wie hier üblich – die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten hätte, hätte er die Scooterfahrerin mit seinem Auto einfach weggeklatscht.“ Sascha nickte: „Und wenn einer der zahlreichen Busse gekommen wäre, hätte sie erst recht keine Chance gehabt: Ein Bus mit 30-40 km/h macht bei einer Kollision mehr als nur Kopfschmerzen. Dann hätten wir wahrscheinlich auch nur noch Knochensplitter von der Straße spülen können.“

Bei der Ursache des Unfalles bin ich mir nicht sicher, ob es vielleicht ein Bedienfehler war und sie nur versucht hatte, hauptsächlichst mit der „moderaten“ Hinterradbremse anzuhalten, oder ob sie wirklich mit der erforderlichen Energie am Handbremshebel gezogen hatte – auch auf die Gefahr hin, sich dann schon vor der Hauptstraße zu überschlagen. Vielleicht hätte ich mal etwas genauer am Roller nachsehen sollen, ob wirklich ein technischer Mangel vorlag. Aber ich bin ja nicht ihr Anwalt …

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Feuerwehr und Rettungsdienst veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Wie viel Glück man haben kann

  1. Nobody schreibt:

    Glückliche Geschichte. Aber was ist jetzt mit dem Arm? Ist der nun ganz oder nur halb eingeschlafen? Also mit Reanimation oder ohne den Fall gelöst? 😉

Deine Meinung ist gefragt:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.